"Der einzig wahre Fortschritt für die Menschheit ist der Fortschritt in der Nächstenliebe"
Aldous Huxley
Äthiopien 2009 - Dr. Pamela Visani - Dr. Doris Gluderer
Wieder zu Hause.Sofort, als wir die Luft rochen,waren wir nie fort gewesen. Addis ist gewachsen, in alle Richtungen, in die Breit und in die Höhe. Drei Jahre sind für mich vergangem, Doris war letztes Jahr hier. Man sieht die Veränderung, der Lebesstandard ist höher, derer die es nicht brauchen. Shakira und Britney Spears lachen verblichen aus den Auslagen. Modegeschäfte und Computerfachmärkte preisen Iphones und Spiegelreflexcameras an, die Läden jedoch sinddie selben, Wellblechbaracken in grün, rosa und blau, die Scheiben matt und staubig, überhaupt alles, Autos, Kleider, Strassen, Häuser ist von rotbraunem Sandstaub bedeckt.
Das Leben spielt am Strassenrand: müde Gesichter, die Hand zum
Betteln ausgestreckt, Kinder wie Greise. Ein Lächeln huscht über die
grauen Augen, wenn sie uns Weisse im Auto erblicken. Ein kleiner Junge
mit viel zu schmalen Schultern wartet darauf, jemandemdie Schuhe putzen
zu können, während im Kreisverkehr fünfzig Autos hupend ihren Weg
suchen. Die Schulen haben aus, es ist Nachmittag: bunte Farbklekse, die
summenden Gruppen in blauen, violetten, dunkelroten Uniformen, die Hefte
tragend sich durch die Strassen schubsen. Die Haare kunstvoll gezopft
und geflochten, irgendwie will sie keiner so richtig natürlich kraus
tragen. Weiter vorne eine Beerdingung, alle in weisse Gewänder gehüllt
dem kleinen Sarg hinterher. Ich bin froh, wenn wir die Stadt verlassen
um in die Klink ins Gurage- Gebiet zu fahren, zur Einweihung des
Geburtenhauses, das wir als Verein mit Hilfe der Region Sudtirol
finanzieren konnten. Die Stadt ist laut und unruhig. An der Stadtgrenze
unzählige leerstehende Gebäude, alle gleich, wer soll hier wohnen
können?
Sobald wir sie verlassen haben, das wahre Äthiopien: es ist Frühling,
die Akazien auf hellgrünem Feldern in der sich neigenden Sonne. Die
Strommasten sind neu, die Menschen die selben: die Frauen in bunten
Tüchern, kunstvoll übereinander getragen verhüllen sie die Haare meist,
nicht jedoch die Schönheit der sanften Züge und der leuchtenden Augen.
Die Esel sind struppig und müde von der schweren Last. In der mehrere
Stunden dauernden, nicht ganz gemütlichen Fahrt, zeigt isch Äthiopien in
all seiner Vielfalt: die unzähligen Menschen und Tiere auf der Strasse,
unerschrocken der vorbeirasenden Autos, die Pferdekarren, schwer
beladen, die alten Mopeds, die blau-weissen Tuktuks, jeder und alles
schwer beladen, unterwegs nach irgendwo. Kunstvoll gebaute Tukuls (ihre
Wohnhäser aus lehm und Stroh) in grau und braun, mehrere meist zusammen,
die ganze Familie, eingezäunt mit Eukalyptusholzpfählen, um die wenigen
Esel, Ziegen und grosshornigen Kühe nicht zu verlieren. Nach einem
kurzen nächtlichen Reifenwechsel, das Lachen der Hyäne im Nacken,
endlich in Meganasse. Die ganze Nacht hört man die Hyänen, mal in der
Ferne, mal hinterm Haus und das Knurren der Hunde, die uns zu beschützen
suchen. Man solle sich ja nie umdrehen, wenn sie einene verfolgt, dann
beisse sie zu, im Allgemeinen greife jedoch nur eine revierfremde Hyäne
Menschen an, sagen sie.
Am nächsten Morgen, die Ruhe: ab und an hört man einen Arbeiter rufen,
ein Auto wegfahren, sonst nur die Vögel, einen Hund oder einen Affen.
Die grüne Oase ist erreicht und mitten in gelbroter Blüte. Sie begrüssen
uns als Teil ihrer Familie.„Seid willkommen“.
Die Menschen haben nichts von ihrer Herzlichkeit verloren.Wir treffen
uns zu einem einfachen Essen mit Ziegenfleisch und Ingera (das Brot der
Armen, aus Tief- Getreide), um das Geburtshaus zu eröffnen. Die
Gemeinschaft betet und singt, schön gekleidet mit bunten Blumen in den
Händen. Es ist Samstag und alle erfreuen sich des Nichtstuns.
Nach und nach besuchen wir alle Projekte des Vereins (Südtiroler Ärzte
für die 3. Welt) und der Region Südtirol. Das Waisenhaus in Oma ist
richtig schön geworden, die Kinder freuen sich und verneigen sich mit
funkelnden Augen zur Begrüssung. Ausgeblasen und -gebrannt steht das
alte Haus ganz neidisch daneben, Kerzenlicht flackert darin als Dank
immer noch. Es ist ein gutes Haus das neue, sagt man und sieht man.
Erstaunlich, dass die in die Jahre gekommene Schwester die Kinder in
Schach halten kann. Sie verehren sie, das sieht man.
Wir fahren zur Schule nach Gubre, unser zukünftiges Projekt. Wir sollen
ein paar Fotos schiessen, doch was uns erwartete, konnte keiner erahnen:
zwölf Klassenzimmer für 3359 Schüler von der 1. bis zur 8. Klasse, das
macht 280 Schüler pro Klasse, in Vormittags- und Nachmittagsklassen
aufgeteilt zu je140 ca. Zu sechst in einer winziger Schulbank, keine
Maus könnte sich zwischen ihre Füsse drängen. Die Schwarzen Augen
strahlen uns an, sie glühen. Artig antworten sie uns und freuen sich
über den seltenen Anblick uns Weisser (=ferenji, in amharisch). Sie
klatschen und jubeln sich in unser Herz. Wir haben die
Volksschullehrerin aus Meganasse mitgenommen, welche nach Inspektion der
Hefte beteuert, dass man so viele inder Klasse nicht viel lernen
könne. Ein Lehrer ziegt uns wo die neue Schule gebaut werden könnte, das
Personal fehle nicht, nur das Geld für den Bau.
In der sengenden Mittagssonne fahren wir weiter ins Krankenhaus nach
Attat. Patienten, soweit das Auge reicht, sitzen im blühenden
Pflanzenmeer. Wir fragen uns durch nach Dr. Rita ( wie sie liebevoll
genannt wird, Dr. Rita Schiffer, einer Gynäkologin aus Deutschland), und
finden sie im OP bei einem Kaiserschnitt, freundlich, wir hechten ihr
nach von einer OP zur anderen, die Taschen rasch abgelegt, hat Doris
bereits ein praktisch leblosen Neugeborenes in der Hand, mit dem sie
sofort verschwindet. Es sei gut eine Kinderärztin hier zu haben, sagt
Dr. Rita. Sie kommt zurück ein Lächeln auf den etwas blassen Lippen, es
gehe ihm schon wieder besser. Bei uns wäre dies ein Notfall gewesen.
Hier ist es auch so gegangen, mit wenig.Wir eilen DR. Rita hinterher,
machen Visiten und Kontrollen und setzten uns dann kurz zum Kaffe. Was
für eine Frau und was für eine Ärztin. Attat ist unser
Referenzkrankenhaus, wenn in Meganasse in der Klinik etwas nicht zu
schaffen ist. Am selben abend bereits fahren wir mit unseren Fahren und
einem Schwerverletzen wieder dorthin. Die Bilanz der nächtlichen
Heimreise: 1 Hyäne, 2 Wüstenfüchse, ein paar Affen und ein Stinktier.
Nachts ist hier richtig was los.
Die Arbeit in der Gura Meganasse Klinik im Gurage ist vielfältig, wir
versuchen bei allem behilfich zu sein. Am meisten beschäftigen wir uns
mit Infektionskrankheiten der Hait der Atemwege und des
Gastrointestinaltraktes. Malaria hat 1000 Gesichter und doch immer
dieselben. Manchmal kann man es an ihren Augen erahnen. Wir treffen
Bekannte, auch sie sind gewachsen. Es hat sich verbessert ihre
Gesundheitssystem. Es gibt AIDS- Tests vor der Heirat, Asthmatherapien,
Verhütungsmittel und Ultraschall. Letzteren auch durch unserer Hilfe. In
der Mittagspause laufen wir zum Kindergarten, den wir regelmässig mit
gespendeten Schulmaterialien beliefern. Verschmitzt schauen sie aus den
viel zu grossen Schürzen. Sie waschen die Händen vor dem Mittagessen an
einem Schlauch im Garten.
Manche Tage verlaufen ruhig, es kommen nur wenige Patienten. Wir sitzen
vor unserem Zimmer und geniessen die Pracht der Natur. Über uns kreisen
die Geier, die Pater sollen ein Tier geschlachtet haben.
Aufbruch nach Soddo zur Mädchenschule. Früh morgens hat Äthiopien ein
ganz besonderes Licht, Stimmung eines Fernen Landes. Über Strassen,
welche keine sind, mit Schlaglöchern, die unserem, Auto das letze
abverlangen durch fabelhafte Landschaften, gelangen wir ins Gebiert der
Wolayta, in die Stadt Soddo. Unzählige Menschen, staubige Strassen, 30
000 Einwohner sagen sie, wir glauben mehr.Wir parken und laufen gleich
zur Schule. Letzets Jahr waren es vier Klassen, neu gebaut. Uns bleibt
der Atem weg, Sie ist wunderschön, 8 Klassenzimmer, 2 Aule, ein
Medienraum, der Pausenhof als Garten angelegt, die Bibiothek ist noch im
Rohbau, der Rest ist fertig und schon in Betrieb. Aus jederm
Klassenzimmer leuchten schwarze Augen unter kunstvollen Zöpfchen in
blauen Uniformen. Bis zur 9. Klasse, 612 Mädchen, anfangs waren es die
Häflte. Sie winken. In den Pausen lebt der Hof, quietschendes Leben, sie
laufen umher, necken sich, hocken und kichern, schauen verwundert und
grüssen gehemmt. Sie erblicken unserer Fotokameras und scharen sich in
Trauben um uns, keine Angst mehr zu fragen, unsre Haut zu berühren.
Unsre Haar wollen sie und mit nach Italien. Sie fragen in gutem
Englisch Löcher in unsre Bäuche, aufgeweckte Mädchen, ganz anders
alsjene auf der Strasse: welchen Beruf wir haben, das Schwarz an meinen
Augen und die vielen Ohrringe, wieso die Haare glatt sind, ob wir auch
arm sind, wie lange wir bleiben, wann wir uns wiedersehen. Fast
erdrückend die Menge der staunenden Gesichter. Wir besuchen sie täglich,
machen Fotos und unterhalten uns mit Ihnen in den Pausen. Für 30 von
Ihnen, die ganz armen, gibts mittags ein gratis warmes Essen. Man
erkennt es sogar an deren Uniform, die schmuddlig getragen wird,
trotzdem mit Stolz. Am Wochenende beobachten wir sie zu unsrem
Erstaunen, am Schulgelände einsam oder gemeinsam am Lernen und Lesen.
Ein Mädchen saß dort mit dem Schulbuch der nächsten Klasse, es sei
wichtig zu lernen, antortet sie uns. Die Schule ist ihr zweites Zuhause.
Dort haben sie nicht die Ruhe fürs Studium, so kommen sie hierher,
sonst wüssten sie nicht wohin. Die Schule ist für sie immer offen. Am
Samstag kommen sie und waschen sich und ihre Wäsche, ein unglaubliches
Erlebnis, ein richtiges Fest. Die kleinen können noch nicht so gut
englisch, deswegen stehen sie wortkarg um uns und schauen als sähen sie
in eine andere Welt. Nur beim Grimassieren brechen sie die Stille in
lautes Gelächter. Sie erinnern sich an Doris und ihr gemeinsames Spiel,
und pötzlich beginnt eine Kleine zu zählen, in allen Sprachen, mal
sprechen sie vor und Doris nach, mal spricht sie vor und alle nach. Ein
Sprechgesang hallt übers ganz Gelände, sie drängen sich um sie und
werden eins. Die Glocke klingt, die Bande rennt. Wir verharren in der
Sonne der Erinnerung an ihre Gesichter. Da kommt die Turnklasse, Ein
Singender reigen, sie sehen uns fotografieren und geben alles, ein
breites Lächeln, ein Blick über die Schulter, den Rhythmus im Blut
tanzen und spielen sie. Ein Luftzug trägt in der warmen Sonne ihre
Gesänge weit über die Mauern der Schule hinaus, auf denen wir stehen und
unzählige Bilder schiessen um die Magie dieses Momentes einzufangen.
Dies haben wir gesucht und haben wir gefunden, das Gefühl, dass nur
diese Mädchen etwas verändern könnten, den Willen haben und den
Verstand, und dass sich dafür alles lohnt.