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Hilfslieferungen nach Temeswar- Rumänien
Im Frühjahr 2005 bekamen wir vom Sportgeschäft Dario in Latsch 650 kg neue Kinderkleider( nicht mehr modisch), geschenkt da dieses das Magazin freihaben wollte. So holten wir diese ab und sammelten noch weitere 500 kg gebrauchte Kleider damit wir einen Kleintransporter voll bekamen.
Die erforderlichen Zollpapiere besorgte uns Peter Lanthaler aus dem
Passeiertal, der schon seit 1999 in Rumänien einige Projekte gestartet
und unterstützt hat. Sein Verein heißt „Aktivhilfe für Kinder“ wo er
auch der Präsident ist. Den Kleintransporter und ein weiteres Auto
stellte uns Auto Telser zur Verfügung.
Am Donnerstag des 28.04.05 um 20.00 Uhr abends ging es dann los.
Unser 5 Leute, Peter Lanthaler, Karl Telser, Paul Lechtaler sowie mein
Mann Helmut und ich fuhren über das Pustertal, Kärnten, Ungarn nach
Temeswar- Rumänien. An der Grenze mussten wir trotz richtiger
Zollpapiere für eineinhalb Stunden warten bis wir weiter durften.
Schließlich klappte es und wir fuhren im halsbrecherischen Tempo nach
Temeswar wo wir nach ca. 18 Stunden Fahrt endlich ankamen.
Noch am selben Tag fuhren wir mit Hr. Grün, dem Geschäftsführer der
Caritas Temeswar zu den überschwemmten Dörfern raus. Ein über hundert
Jahre alter Damm brach an mehreren Stellen und überflutete ein Gebiet
von über 30 km im Durchmesser.
Dabei war das erst der Anfang. Im Laufe des Sommers gab es in ganz Rumänen ca. 8 weitere Überschwemmungen.
An diesem Abend sahen wir Leute die bis zu den Hüften im Wasser
standen und ihr letztes Hab und Gut aus den Häusern herausholten, oder
große Lastwägen, aus dem vorigen Jahrhundert, bepackt bis obenhin mit
Möbel und sonstigem Hausrat. Vielen gelang dies nicht mehr. So standen
sie wortwörtlich vor dem Nichts.
Einige Dörfer waren total von der Umwelt abgeschnitten. Das
Verheerendste an dieser Überschwemmung war die Beschaffenheit der
teilweise über hundert Jahre alten Häuser. Die Ziegel, aus Lehm gemacht
und getrocknet( nicht gebrannt) sogen sich innerhalb kurzer Zeit mit
Wasser voll und stürzten in sich zusammen.
Auch das Wasser konnte nicht abfließen, da der Boden sehr
lehmhaltig ist und so ein Versickern des Wassers verhinderte. So stand
es teilweise bis im August. Die Frösche, Störche und die Insekten
hatten in dieser Zeit ein wahres Paradies.
Die übrigen Tiere wie Kühe, Schafe, Pferde und Federvieh wurden ins Trockene gebracht sofern die Möglichkeit bestand.
An diesem Abend entstand bei Peter Lanthaler die Idee mit den
Wohncontainern. Im Laufe des Sommers konnte er mit Unterstützung der
Südtiroler Landesregierung 24 Container( unser Verein hat auch einen
mitfinanziert)ankaufen, nach Temeswar bringen und bei den Bedürftigen
direkt aufstellen.
Die nächsten Tage verbrachten wir damit die verschiedenen Projekte
zu besuchen: das Nachtasylheim, die Farm, die“ Nudelfabrik“, das
Kinderkrankenhaus von Fr. Dr. Scherban. Alles Projekte die mit
Spendengeldern mitfinanziert wurden.
Am Sonntag in der Früh kehrten Peter, Paul und Karl wieder nach Hause zurück und wir blieben noch bis Mittwoch.
In dieser Zeit begleiteten wir Sr. Rosa auch bei einem Hausbesuch.
Wir lernten die Familie Rebegila kennen. Der Mann, Ion, 76 Jahre alt,
schwerer Diabetiker, ein Bein schon amputiert, das Zweite machte auch
große Schwierigkeiten; die Frau Doina, 67 Jahre, schwer herzkrank,
braucht sehr viele Medikamente, sollte sich körperlich schonen. Dann
noch eine schwerstbehinderte Tochter aus erster Ehe, Maria, kann nicht
gerade laufen, nur auf beiden Händen krabbeln wie ein Kleinkind. Haben
zusammen eine Rente von nicht mal 200 Euro, über 100 Euro gehen schon
für Medikamente auf. Die Nebenkosten wie Gas, Abwasser, Strom, Telefon
sind sehr hoch. Unterm Strich bleibt dieser Familie manchmal nur ein
Euro für Lebensmittel.
Würde Sr. Rosa mit den Essenspaketen, die sehr bedürftige Familien
einmal im Monat bekommen, nicht aushelfen, müssten sie verhungern oder
betteln gehen. In diesen Essenspaketen sind Grundnahrungsmittel wie
Mehl, Zucker, Bohnen, Kartoffeln usw. enthalten. Auch hilft Sr. Rosa
gerne mit Gemüse aus dem eigenen Garten.
Die Wohnung selber war in einem erbärmlichen Zustand. Die Wände
waren bis an die Decke mit Schimmel überzogen. Im „Wintergarten“, ein
Vordach mit Glasscheiben und der einzige Raum der etwas heller und
zugleich Eingang war, waren drei Scheiben kaputt und das Wasser
sickerte durch. Die anderen drei waren kurz vorher ausgewechselt
worden, für alle reichte das Geld nicht!!
Der Vater hatte große Schmerzen im Bein, wollte aber auch nicht ins
Krankenhaus, da er für jeden Handgriff bezahlen müsste. Er hatte auch
keinen Lebensmut mehr. Lieber heute als morgen möchte er sterben. Seine
Leidenszeit dauerte dann schließlich bis im Oktober bis er sterben
durfte.
Bei uns herrschte eine große Betroffenheit!!
Auch hatte ich im Kloster die Gelegenheit Einblick zu nehmen im
Sortieren von Kleidern und auch mitzuhelfen. Nur so können sie die
Sachen effizient austeilen.
Im Kloster bei P. Berno reifte dann der Entschluss diesen Menschen
doch einwenig unter die Arme zu greifen und Spenden zu sammeln.
Die Tage vergingen wie im Flug und wir fuhren schweren Herzens nach Hause.
Daheim sicher angekommen machten wir uns auf die Suche nach einem
geeigneten Raum um eine Kleidersammlung durchzuführen. Der
Bürgermeister war sehr entgegenkommend und teilte uns einen Raum in
einem leer stehenden Haus zu. Wir veröffentlichten EINEN Artikel in der
„Dolomiten“ und baten um Mithilfe und Kleiderspenden.
Die Reaktion war gigantisch! Nun ging es daran geeignete
Kartonschachteln zu finden. Wir wurden bei der Firma HOPPE, der Firma
KUNSTDÜNGER und den MERANER MILCHHOF fündig. Sie stellten insgesamt 450
Stück zur Verfügung. Auch in einigen Lebensmittelgeschäften in unserer
Umgebung sammelten wir in regelmäßigen Abständen die Bananenschachteln
ein. Einige Frauen aus dem Dorf halfen mir die immer neu eintreffenden
Sachen zu sortieren, zu beschriften und dann noch abzuwiegen. Knapp 40
verschiedene Artikel! Bald war der Raum zu klein. Wieder gingen wir zum
BM und erhielten auch prompt einen zweiten Raum zur Verfügung gestellt.
Ende September war der letzte Abgabetermin der Kleider und die 730 ig Kartone waren zugeklebt, beschriftet und abgewogen.
Auch diesmal besorgte uns Peter Lanthaler die benötigten Dokumente für den Zoll.
Zugleich hatten wir durch unseren lieben Apotheker Dr.
Fragner-Unterpertinger eine Aktion mit der Apothekervereinigung
Südtirol und der Firma UNIFARM gestartet. Bei dieser Aktion kamen
insgesamt 165 kg Verbandsmaterial( von 36 Apotheken)zusammen, das auch
dringend benötigt wird.
Nun ging es darum den Transport nach Rumänien zu organisieren. Die
Firma TRANSALBERT erklärte sich bereit die Hälfte der Kosten zu
übernehmen sowie die Sachen an Ort und Stelle zu bringen, die andere
Hälfte teilten sich die Firma KUNSTDÜNGER, Despar DIETL und eine
private Person.
Am 08.11.05 war es dann soweit: Petra Theiner aus Prad und ich
flogen von Verona nach Temeswar. Wir wurden am Flughafen vom
Geschäftsführer der Caritas Temeswar Hr. Grün Herbert abgeholt. Er ist
ein sehr korrekter und verlässlicher Mann. Nur so ist auch effiziente
Hilfe möglich.
Am Nachmittag besichtigten wir die Sozialstation der Caritas
Temeswar. Die Leiterin Fr. Gabi Bors erklärte uns den Aufbau und den
Wirkungsbereich ihrer Arbeit.
Sie arbeiten auch mit den Hausärzten, Krankenhäusern, Krankenkasse
und Privatärzten zusammen. Jedoch sind sie bei weitem nicht so gut
organisiert und stehen so viele finanzielle Mittel zur Verfügung wie
bei uns.
Das Magazin mit Medikamenten war erschreckend leer und das am
Anfang des Monats! Somit konnten sie das Verbandmaterial sehr gut
gebrauchen. In den 11 Sozialstationen werden über 700 Personen betreut.
Dabei sind 30 Angestellte und 9 Freiwillige beschäftigt.
Am nächsten Tag konnten wir endlich den LKW abladen, der zuerst durch den Zoll musste.
Einige Jungs vom Obdachlosenheim und Mädchen aus dem Jugendheim halfen beim Abladen des Lkws.
Tags darauf wurde ein neuer LKW beladen und in das Dorf Cruceni
gebracht. Da aber die Zeit nicht mehr reichte konnten wir erst am
nächsten Tag definitiv mit der Austeilung beginnen.
Dieses Dorf war bei der Überschwemmung im Sommer am schlimmsten
betroffen. Das Wasser stand bis Ende August. Deshalb konnten nur wenige
Hilfsgüter ins Dorf gebracht werden. Mit dem Wiederaufbau konnte auch
erst spät begonnen werden. Die Regierung stellte jenen Bewohnern ein
Haus auf, denen das Wasser alles vernichtet hatte. Alle anderen bekamen
Ziegel oder Baumaterial um die verbliebenen Gebäude zu reparieren. Bei
unserem Aufenthalt sahen wir die Bauarbeiten waren im vollen Gange. Wir
hofften dass es alle bis zum Wintereinbruch geschafft haben.
Bei nicht also gutem Wetter teilten wir und 4 Jungs aus dem
Nachtasylheim den ganzen Tag diese Kleider, Decken, Bettwäsche an 218
Familien aus. Der Großteil der Leute war älter als 60. Kinder und
Jugendliche sah man wenige. Es war ein gutes Gefühl dass man die gut
erhaltenen Kleider, die uns anvertraut wurden, direkt an Ort und Stelle
austeilen und so einigen Menschen helfen konnte über den Winter zu
kommen. Am gleichen Tag erhielten die Leute auch eine Getreidelieferung
von der Gemeinde. So kann man sich vielleicht vorstellen welches
Geschubse eine zeitlang herrschte.
Am Abend waren wir heilfroh gut die Hälfte der Kartons ausgeteilt
zu haben. Die Anderen wurden in Kloster zu P. Berno gebracht. Es findet
nämlich einmal im Monat ein Basar statt. Dabei werden gut erhaltene
Kleider( gesammelt in Deutschland und auch unsere) und andere Sachen
für sehr wenig Geld verkauft. Mit dem Erlös aus diesem Basar wird ein
Teil der Kosten für die eigenen Projekte gedeckt.
So erhalten auch die Obdachlosen einmal am Tag eine warme Mahlzeit:
eine Art Minestrone mit Fleisch oder Wurststückchen und Brot aus der
eigenen Bäckerei. Im Sommer sind es jeden Tag an die 20-30 Personen; im
Winter um einige mehr. Vorwiegend alte Männer und Frauen. Am Abend
haben diese dann die Möglichkeit im Nachtasylheim die Nacht zu
verbringen. In der Früh nach dem Frühstück müssen sie wieder das Haus
verlassen. Nur Mütter mit Kindern dürfen auch tagsüber bleiben.
Dieses Haus hat Platz für 100 Leute. Im Winter können es auch mehr
sein. Es ist das erste und einzige Haus dieser Art in Rumänien!!
An einem Tag fuhren wir mit einem Bekannten aus Österreich nach
Herculane Bad, einem Kurort an der Donau im Süden, wo Sr. Rosa einen
Kuraufenthalt machte. Dabei kamen wir durch unzählige Dörfer. Auf
dieser Fahrt sahen wir noch Ochsengespanne, für ein Pferd reicht es
nicht! Und Menschen die kilometerweit zu Fuß laufen müssen um in das
Nachbardorf zu kommen. Einige Frauen gingen mit ihrer Wäsche an den
Bach um diese zu waschen und das bei einer Temperatur knapp am
Gefrierpunkt. Wie bei uns vor fünfzig Jahren! Ihre Hütten waren von den
Ställen nicht zu unterscheiden. Die Dächer waren mit Stroh gedeckt und
die Hühner und Schweine rannten außen herum.
Am eindruckvollsten war die Landschaft selber. Auf den Feldern
stand noch der Mais. Hier wird er bis im November reifen gelassen und
dann zu Maismehl verarbeitet. Wälder und Hügel soweit das Auge reicht,
wechseln mit kleinen Wiesen und Äckern und dazwischen die vielen
kleinen Weiler und Dörfer.
Der Kurort selber ist wunderschön gelegen inmitten von Laubwäldern
und abgeschieden vom Rest der Welt. Auch die Hotels sind noch vom
vorigen Jahrhundert. Richtig alter Jugendstil mit vielen
Verschnörkelungen - aber in welchem Zustand!! Während der
kommunistischen Zeit wurde an diesen Häusern leider überhaupt nichts
mehr getan. Sehr schade! Da gibt es noch viel zu tun!
Sr. Rosa war sehr überrascht und erfreut als wir plötzlich
auftauchten. Wir saßen einwenig zusammen und besprachen einige Sachen
mit ihr. Dabei reifte die Idee was für alte und kranke Leute zu tun.
Nach ihrer Rückkehr schickte sie mir eine Liste mit einer Beschreibung der jeweiligen Situation dieser Personen:
Da ist z.B. eine Familie mit drei kleinen Kindern. Der Vater hat
TBC. Die Mutter hat einen Tumor der immer wieder operiert werden muss.
Sr. Rosa hat dieser Familie 200.- Euro für Holz gegeben. Auch 200.-
Euro für die Operation . Der Aufenthalt kostet nichts, aber die 200.-
sind sicher nur Schmiergeld für den Arzt( ohne tut er nichts). Beide
sind arbeitslos und die Kinder gehen in die Volkschule bzw. in den
Kindergarten.
Ein weiterer Notfall ist ein 90 jähriger blinder Mann. Er hat eine
ganz kleine Rente und muss davon noch die Zugehfrau bezahlen. Er ist
auf fremde Hilfe angewiesen. Das Dach wird neu gemacht und wie auch die
anderen Bewohner im Block muss er sich beteiligen. Er ist ganz
verzweifelt weil er das Geld nicht hat und so bedrängt wird. Dazu
kommen auch noch die vielen Medikamente die er selber bezahlen muss.
Da ist noch eine 85 jährige Frau. Ihre Pension beträgt 47.- Euro,
ist schwer herzkrank, hat nur mehr eine viertel Lunge und braucht auch
viele Medikamente.
Da sind noch zwei Geschwister, 16 und 19 Jahre alt. Beide sind
Studenten und sind Vollwaisen. Sind bei der Großmutter aufgewachsen,
doch diese ist nun auch gestorben. Sie brauchen jetzt Hilfe, weil zu
der psychischen Belastung auch noch die finanzielle dazu kommt.
Sr. Rosa und ihre Mitschwestern Sr. Friedericke und Sr. Bernadette
betreuen ungefähr an die 25 Personen die ein ähnliches Schicksal haben.
Sie sind auf Spendengelder angewiesen denn nur so können sie auch
weiterhelfen.
Nach diesen Tagen fiel mir der Abschied wieder schwer. Es war aber sicher nicht der letzte Aufenthalt in Rumänien für mich.
Trotz Elend, Mutlosigkeit und Korruption müssen wir diesen Menschen
vor unserer Haustür ein klein wenig ihr Erdendasein menschenwürdiger
machen.
„ Wir sind der Motor und ihr seid das Benzin“ wie Sr. Nancy (eine
indische Klosterfrau und uns Südtirolern ein Begriff) einmal sagte.
Drum lasst uns in diesem Sinne weitermachen und weiterhelfen. Gemeinsam
sind wir stark!!
Pinggera-Spiess Helga
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