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Eine wertvolle Erfahrung- Berichte der Krankenschwester Veronika Obermair
Ich bin eine Krankenschwester aus Südtirol. Schon längere Zeit hegte ich den Gedanken, eine neue Berufserfahrung im Ausland zu erleben. Durch " Die Südtiroler Ärzte für die Dritte Welt" erhielt ich die Möglichkeit.
So begann für mich eine Reise, welche eine große Bedeutung in meinem
Leben einnehmen wird. Ich fuhr für sechs Monate nach Indien. Mein Ziel
war Kalkutta, eine sehr beeindruckende Stadt. Diese Stadt hat eine
überwältigende Einwohnerzahl, ein Grossteil davon sind Kinder. Viele
Menschen leben auf der Strasse. Arm und Reich leben nebeneinander. Die
teuersten Nobelhotels werden von Bettlern umgeben. In Kalkutta befindet
sich auch das " Sterbehaus". Dieses ist das erste Haus, welches Mutter
Theresa gründete. Es sollte den armen " Straßenmenschen" ein
würdevolles Sterben ermöglichen. Das Sterbehaus befindet sich in einem
menschen- und verkehrsreichem Stadtteil, Kalighat. Unmittelbar neben
dem Sterbehaus erhebt sich der Kali-Tempel. Hierbei handelt es sich um
einen wichtigen Hindu-Tempel, wo täglich mehrere Ziegen der Göttin Kali
geopfert werden. Hier herrscht ein sehr hektisches und erregtes
Treiben. Beim Betreten des Sterbehauses wird man von einer angenehmen
Stille umgeben, welche sehr im Kontrast zum Außenleben steht. Ich
empfand einen innerlichen Frieden, der durch diese magische Aura
ausgestrahlt wird. Jede Vorstellung an mögliche Unruhen und Konflikte
erschien mir fern. Im Sterbehaus findet man nicht nur sterbende
Patienten, sondern hilfsbedürftige Menschen jeder Art. Neben
Tuberkulose, AIDS und Unterernährung werden hauptsächlich Wunden
behandelt. Wunden, die durch Verletzungen jeder Art entstehen, durch
Tiere oder Insekten. Die schlechten hygienischen Bedingungen tragen
leider nicht zur Wundheilung bei. Oft sieht man Wunden, welche mit
Madenwürmern oder durch andere Ungeziefer verunreinigt sind. Es werden
Krankheiten medikamentös behandelt, oft ohne genaue Diagnose oder
Ursachenabklärung. Meine Tätigkeiten im Sterbehaus waren vielfältig:
Patienten waschen und füttern, Betten wechseln, Verbandswechsel
ausführen, Therapie verabreichen, aber auch Geschirr spülen und Wäsche
waschen. Jeder hilft dort, wo er gerade benötigt wird. Ein Lächeln oder
die stille Dankbarkeit der Patienten waren der wertvollste Lohn. An den
Nachmittagen bot ich meine Hilfe im " Dispensary Sealdah" an. Dabei
handelt es sich um ein Ambulatorium am Bahnhof. Hier kommen Leute zum
Verbandwechsel oder mit anderen gesundheitlichen Problemen. Eine
weitere Tätigkeit führte ich am Howrah- Bahnhof durch. Für diese Arbeit
mussten wir immer zu zweit sein. Wir suchten die Howrah-Bruecke, die
Zuggleise, die Unterführungen, kurz gesagt die gesamte Bahnhofsgegend,
nach hilfsbedürftigen Menschen ab. Wir verteilten Kleidung, Essen und
führten auch Verbandswechsel durch. Wenn es nötig erschien, wurden
Leute auch ins Sterbehaus begleitet, um dort behandelt zu werden.
Leider geschah es auch, dass wir zu spät kamen und Verstorbene fanden.
Ich empfinde es sehr schwer, meine Eindrücke aus Indien aufzuschreiben.
Sie waren dermaßen überwältigend. Beeindruckend ist sicher die starke
Verwurzelung im Glauben dieser Menschen. Sie glauben an die
Wiedergeburt und nehmen ihr Schicksal ohne große Jammerei an, da sie
überzeugt sind, im nächsten Leben in einer höheren Kaste geboren zu
werden. Diese Menschen leben in der Gegenwart, im Jetzt. Ihr
Lebensrhythmus ist sehr angenehm und vermittelt große innere Ruhe,
keine Hektik, kein Stress. Es gibt keine "Probleme", alles wird sich
geben und gut werden. Es gibt keinen Grund zur Aufregung. Trotz Armut
und Elend leben diese Menschen in großer Zufriedenheit und Dankbarkeit.
Ich persönlich schätze mich glücklich über diese so wertvolle Erfahrung
und danke allen, die dazu beigetragen haben, speziell dem indischen
Volk.
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