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Oh Kalkutta
Ich habe versprochen einen kleinen Bericht zu schreiben über meinen 3-monatigen Aufenthalt in Kalkutta. Habe mir das einfacher vorgestellt. Was schreiben, womit anfangen, wie aufhören, wenn man ein Buch schreiben könnte. Dabei soll ja alles einen Kopf und einen Fuss haben, auch möchte ich niemanden überrumpeln mit meinen Eindrücken. Die zu ordnenden Gedanken sind so viele und wie beschreiben was man oft selbst nicht glauben kann.
Hier mein Versuch
Ich wollte mal abschalten nach über 30
Jahren Banktätigkeit, wollte mal ganz neue Wege gehen, wollte aber auch
dem Herrgott danken für all das was mir das Leben gegeben und was mir
erspart wurde.
Mit gemischten Gefühlen habe ich die Entscheidung
getroffen und tief durchatmen habe ich auch müssen um den nötigen Mut
zu finden. Aber nun bin ich angekommen in Kalkutta:
- angekommen bei den Ärmsten der Armen von Mutter Teresa;
- angekommen in der Stadt, wo man oft glaubt zu wissen wie es im “inferno” zugehen muss;
- angekommen, wo Armut und Elend oft so extrem übertrieben sind wie bei uns so manche Werbung für Mode oder Luxusartikel;
- angekommen
im einzigen Ort der Welt wo die Rikscha noch von Männern gezogen wird,
den sogenannten “Pferdemenschen” und wo Männer in die Deichsel
eingespannt sind und so die Ochsen ersetzen um schwere Lasten zu ziehen.
Aber dann: Shishu Bhawan : Kinderheim
Manche der Kinder irgendwo gefunden, ausgesetzt, oder aus dem Mull gezogen, ungewollte Menschenwesen
Man
setzt sich ins Bettchen zu einem dieser schwerbehinderten Kinder, legt
dessen Köpfchen auf den Schoss und füttert sie. Das dauert oft die
längste Zeit, man verliert sich in Gedanken, das Füttern wird zum Gebet
und plötzlich kann man verstehen wie Andreas den ersten seiner vier
adoptierten, behinderten Kinder Debashish, “den Segen Gottes”, taufen
konnte.
Sterbehaus : die erste Liebe von Mutter Teresa
Hier
trifft sich die ganze Welt. Freiwilligen aus allen Erdteilen, die
meisten nicht vom Fach so wie ich, wird hier die Möglichkeit gegeben zu
dienen bei der Pflege von Schwerkranken und Sterbenden, die von der
Strasse oder von den Bahnhöfen aufgelesen werden, abgewiesen von allen
Krankenhäusern der Stadt.
Wichtig dabei war Mutter Teresa nicht WAS
oder WIEVIEL jemand kann oder macht, sondern dass es mit Liebe gemacht
wird, auch die einfachsten Arbeiten.
Und in der Tat versucht hier
ein Jeder sein Bestes zu geben. Bezüglich der liebevollen Anteilnahme
und Zuwendung muss gesagt werden, dass es wirklich nicht schwerfällt
diese Menschen zu lieben. Man muss sie gernhaben wenn man ihre Wunden
sieht, wenn man mitbekommt von ihrem Leid und Schmerz, beim Anblick
ihrer verkrüppelten und verstümmelten Glieder. Man muss sie lieben,
weil sie nicht jammern, nicht weinen und sich nicht beweinen, man muss
sie lieben wenn man sieht wie vorbildlich diese einfachen Menschen ihr
Kreuz tragen und wenn man gesehen hat, wie einfach und natürlich auch
das Sterben sein kann. Mann muss sie lieben für ihr Lächeln, mit dem
sie dir danken.
Es ist schon beeindruckend was in diesem Haus vor
sich geht; ein heiliger Ort wo nicht immer klar ist WER letztendlich
WEM hilft, denn oft haben wir freiwilligen Helfer den Eindruck das wir
Mehr zurückbekommen als was wir geben können.
“Das Leiden der
sterbenden Menschen ist furchtbar und versetzt uns in Unruhe, aber noch
beeindruckender ist die Hilfsbereitschaft von Menschen aus aller Welt –
sie tun ein ungewöhnliches Werk” meinte ein ehemaliger Minister aus
Deutschland, der im Serbehaus zu Besuch war.
Um und am Bahnhof: wie Mutter Teresa am Anfang
Die meisten der Schwerkranken, der hilflos Gestrandeten, werden an den Bahnhöfen gefunden.
Jeden
Morgen, am Beginn unserer Suche (Team von 4 Freiwilligen) kommt mir ein
Satz aus den Hl. Schriften in den Sinn … “die Füchse haben Höhlen, und
die Vögel des Himmels Neste, aber der Menschensohn hat NICHTS, wohin er
ein Haupt legen kann“ (Mt. 8,20).
Die Menschenbündel liegen auf dem
bloßen Boden, nackt oft, fiebrig, verdreckt und verkrustet, geplagt von
Krätze, Läusen und Maden. Sie besitzen NICHTS, absolut NICHTS. Kinder,
Frauen, ganze Familien, geistig Behinderte und Krüppel. Die schlimmsten
Fälle meist frisch angekommen mit dem Zug. Wir finden sie in den
entlegensten Winkeln, im Müll, in Seitengängen und -wegen, zwischen den
Taxis, hinter den Säulen oder auch ganz einfach auf den Plattformen.
Ein hastiges vorbeieilen oder die Augen verschliessen ist dabei nicht
erlaubt. Man schaut unter Dreckslumpen und bietet Hilfe an – manchmal
ist es mit Essen, Kleidung schon getan; oft aber fehlt es viel weiter –
grosse Schmerzen, Wunden, Verbrennungen, Ruhr – Fliegen und Geruch sind
dabei eine untrügliche “Orientierungshilfe”.
Ich habe sie mir alle genau angesehen, immer und immer wieder,
angezogen und fasziniert von diesen Menschen. Man spürt den Reichtum
ihrer Seelen, trotz Lumpen und Elend oft von solcher Schönheit, stolz
und frei. Ich habe sie bewundert und oft auch beneidet wie sie über den
Dingen stehen; manche nicht mehr von dieser Welt.
Mensch welch einzigartige Erfahrung und großartige Möglichkeit. Es
war eine gute, glückliche und sinnvolle Zeit, jeder Tag ein Geschenk
und mit jedem Tag wurde ich auch freier und leichter.
Es war wie bei
einem Intensivkurs. Tod, Krankheit und Leiden sind nicht mehr etwas
Fremdes; auch habe ich erfahren was sich alles machen lässt und
verzeiht mir, als Bankangestellte möchte ich noch hinzufügen: die beste
Investition meines Lebens.
Ein Danke den Missionsschwestern, dem sonnigen Kolkata, den freiwilligen Helfern und der Begeisterung von Toni.
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