|
Kattappana Indien - Februar 2005 - Kerala: Südindien
Vergeblich haben wir auf der Landkarte den Bestimmungsort unseres diesjährigen Einsatzes mit den Südtiroler Ärzten für die Dritte Welt gesucht.
Unser zweiter Dental Camp sollte in Kattappana abgehalten werden. Aus
den E-Mails, welche uns die Salesianer Schwestern geschickt hatten,
wussten wir, dass sich der Ort circa 150 km südlich von der Hauptstadt
Cochi befand, den wir anfliegen würden und dass er auf einer Meereshöhe
von 1200 Metern im tropischen Regenwald lag.
Freitag, 4. Februar, ein Arbeitstag wie jeder andere, doch heute müssen
wir alles einpacken und fertig machen, denn wir sind für den Einsatz
von Dr. Toni Pizzecco, dem Präsidenten des Vereins, startbereit. Wir
sind überglücklich durch unseren Arbeitseinsatz wieder einen kleinen
Beitrag geben zu dürfen. Diesmal bekommt unserer Praxis-Team
Verstärkung durch die beiden Volontäre Susanna und Fabrizio. Beide
waren bereit zu helfen, doch was sie genau machen würden, das wussten
sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Wir bestärken die Volontäre gleich und versichern ihnen, dass sie immer
irgendwie nützlich sein können, wenn auch nur zum Tragen der Taschen
und Koffer, von denen wir diesmal 15 haben.
Ausser dem zahnärztlichen Material, Instrumenten und Bohrmaschinen,
kommen diesmal auch zahlreiche Geschenke hinzu, welche Freunde und
Patienten uns noch mitgegeben hatten. Mit unseren übervollen Taschen
erschienen wir dann in München am Check-In Schalter der Emirates und
erzählen der Hostess von unserem Vorhaben. Vielleicht glaubte sie wir
seinen die Gehilfen des Weihnachtsmanns oder vielleicht war es das Ohr
eines Steiftiers, welches aus einem Koffer herausschaute, das sie dazu
bewog den Kopf abzuwenden und zu sagen
“ I close my eyes and do not read the weight– ich verschliesse die
Augen und sehe nicht das Gesamtgewicht ihres Gepäcks. Good luck and
have a safe flight – Viel Glück und Guten Flug!“
Wir schätzen ihre Geste der Solidarität und sehen darin ein gutes Ohmen für unser Vorhaben.
Es ist ein kalter Februartag und draussen schneit es.
Während der 12 Flugstunden haben wir genügend Zeit an das zu denken,
was wir im letzten Jahr bei unserem ersten Dental Camp in Bangalore und
Calcutta erlebt hatten. Wir wissen, was uns erwartet, auch wenn wir
diesmal nicht an die selben Orte zurückkehren.
Um circa 9:00 Uhr Ortszeit landen wir in Cochi. Die Stadt liegt in den
Bergen der Region Kerala, im Südwesten Indiens. Das Klima an der
tropischen Küstengegend ist feucht und heiss.
Wir standen noch in der Reihe am Zoll, als wir die grauen Kutten der
zwei Ordensschwestern erblickten, der Salesianer, dem selben Orden,
welchem auch Sister Nancy, der „Engel Bangalores“ angehört. Sister
Mercy, die Oberschwester aus Kattappana und Sister Rosa winken uns zu.
Unerwartet schnell und ohne Schwierigkeiten laufen die Zollformalitäten
ab. Drausen erwartet uns der bereits vertraute indische Strassenlärm
und Rummel.
Ein alter Autobus führt uns nach Kattappana. Die harten Eisenstühle
sind nicht die bequemsten für eine sechs-stündige Fahrt, aber der Bus
ist geräumig und wir breiten uns auf den Bänken aus. Wir fahren sofort
los und lassen die Hitze und das Chaos Kattappanas hinter uns. Bald
schon gelangen wir über steile Bergstrassen in den tropischen
Regenwald. Palmen, Farne, Mango-bäume und Papaiabäume säumen die
Strasse, der Blütenduft der Pfeffer- und Kaffeepfanzen berauscht unsere
Sinne. Ab und zu unterbrechen wir die Fahrt in kleinen Ortschaften
entlang der Strasse. Aneinander gereihte dunkle und armselige Hütten
stehen am Rand der staubigen Schotterstrasse, auf der alles mögliche an
Fahrbarem verkehrt.
Die Reise scheint kein Ende zu nehmen. Kattappana liegt auf 1200 Metern
Meereshöhe und wird auch als Schweiz Keralas bezeichnet. Die Luft ist
frisch und kühl, wir fühlen uns gleich wohl.
Am späten Nachmittag erreichen wir endlich Kattappana, das Kloster
„Auxilium“ und die Schule, in der uns die Schwestern erwarten. Die
Begrüssung ist äusserst herzlich. Mit köstlichen Speisen und Getränke
wollen sie uns wieder beleben. Anschliessend führen sie uns in ein nahe
gelegenes Haus, unsere Bleibe für die nächsten 2 Wochen. Mit Eimern
konnten wir das warme Wasser vom Boiler holen um uns zu waschen. Ausser
einer kleinen Maus, die immer wieder neugierig bei uns vorbeischaute,
schienen wir die einzigen Gäste zu sein. Die Schwestern raten uns, am
Abend auf unserem Rückweg zurück zum Kloster, eine Taschenlampe
mitzunehmen und nicht zu nahe am Strassenrand zu laufen, damit wir
nicht im Fehl auf eine Cobra steigen.
Nach einem ausgiebigen Abendessen unterbreitet Sr. Rosa uns das
Arbeitsprogramm für die nächsten Tage. Wir werden im „science room“ der
Schule unser Ambulatorium aufbauen dürfen. Sie haben bereits die
Patienten benachrichtigt, dass wir am darauffolgenden Morgen mit den
Zahn-Behandlungen beginnen. Eine der Schwestern wird uns immer
besonders mit dem Übersetzen behilflich sein. Wir verabschieden uns für
die Nacht und sind wohl darauf bedacht in der Strassenmitte zu unserem
Zimmer zurückzulaufen.
Zeitig am nächsten morgen stehen wir auf. Ein heisser Kaffee aus
unserer mitgebrachte Kaffeemaschine ist der einzige Luxus, den wir uns
gönnen. Nach dem Besuch des Morgengottesdienstes richten wir unser
Ambulatorium ein. Das Zimmer mit Blick auf Kaffepflanzen, Palmen und
einem Gemüsegarten, ist gross und geräumig.
Im Vergleich zum Vorjahr hatten wir diesmal einen grossen Vorteil:
einen Wasserhahn in unserem Arbeitsraum. Das Wasser zu desinfizieren,
dafür sorgen dann wir.
Es ist unglaublich, wie man sich über die Gegenwart eines Waschbeckens
freuen kann. Unser Team passt sich schnell den neuen
Arbeitsverhältnissen an und versucht mit den uns zur Verfügung
stehenden und den von uns mitgebrachten Mitteln und Instrumentne
optimale Arbeitsbedingungen zu schaffen: zusammengeschobene Holztische
bildeten die Liegen, mit Klebeband fixierte Pölmsterchen auf Schemel,
machen das Sitzen bequemer und der „Dental Tronic“, unsere Bohrmaschine
erhält diesmal Verstärkung durch eine zweite Pumpe mit Saugvorrichtung,
wodurch es uns möglich ist Zahnbehandlungen einerseits und Zahnhygiene
andererseits gleichzeitig durchzuführen.
Drausen im Freien warten bereits die ersten Patienten, hauptsächlich Frauen, welche das Kommen von vielen weiteren ankünden.
A usser an einem Tag, in welchem wir unsere „Praxis“ in ein grösseres
nahe gelegenes Dorf verlegt, haben die Ordensschwestern unseren
Arbeitseinsatz hauptsächlich in ihrem Kloster vorgesehen. In vielen
Dörfern kann man nicht mit regelmässigem Strom rechnen und so kommen
die Patienten aus allen Himmelsrichtungen zu uns, Schüler, deren Lehrer
und Familien, letztendlich sind auch die Ordensschwestern unsere
Patienten.
Hier im Kloster haben wir zwar Strom , doch wir bezeichnet ihn als
Wechselstrom, da er 1 Stunde zur Verfügung steht und dann wieder 3
Stunden lang ausfällt. Zum Glück hat das Kloster einen Generator, der
uns zwar einräuchert und uns fast taub werden ltäs, doch er ermöglicht
es täglich, dass wir unsere Arbeit abschliessen können!
Die Ordensschwestern haben die Vormerkungen organisiert und für jeden
Tag die stolze Anzahl von 60 Patienten vorgesehen. Meistens haben sie
nicht nur einen schlechten Zahn sondern es ist der ganze Mund zu
versorgen.
Täglich erscheinen 450 Kinder im Schulhof, alle mit ihren schwarzen
Köpfchen, der sauberen Uniform, einige barfuss, aber alle begrüssen uns
fröhlich mit einem wunderbaren Lachen.
Nach einem Morgengebet und einem kurzen Gesang verschwanden sie in den Klassenzimmern.
Eine Mischung aus Kinderstimmen, welche die Worte der Lehrer nachsagen
und das Tuscheln der Patienten, welche im Hof auf ihren Termin
warteten, begleitete uns täglich bei der Arbeit. Und so arbeiteten wir
zwei Wochen lang von 9 Uhr morgens bis 7 Uhr abends mit nur kurzen
Unterbrechungen für einen Mittagsimbiss oder für eine Tasse Kaffee.
„Filling, cleaning, remove“ sind die Befehle, die uns Schwester
Theresia erteilt, während sie das Durcheinander der nicht enden
wollenden Patientenreihe regelt.
Wir arbeiten hart und die Geräte leiden unter der starken
Beanspruchung. Ab und zu blockiert sich die eine oder andere Maschine,
doch unser Volontär Fabrizio repariert sogleich jeden Schaden, während
Susanna, die zweite Volontärin Füllungen anrührt, Instrumente
sterilisiert oder einigen Patienten das richtige Zähneputzen beibringt.
Während sie bei einer Nahtversorgung mit Tupfern das Blut wegwischt,
plappert sie einige neu gelernte indische Worte vor sich her um sich
von den chirurgischen Fällen nicht zu sehr beeindrucken zu lassen.
Am Abend, wenn die schwache Neonbeleuchtung unser Arbeiten erschwert,
legen wir die Instrumente nieder. Erschöpft aber mit grosser Genugtuung
lassen wir die Eindrücke des Tages auf uns wirken.
Mittlerweile sind wir zur „Attraktion“ des Ortes geworden und eines
Tages erscheint sogar das lokale Fernsehen um uns aufzunehmen. Noch am
selben Abend waren wir anscheinend in den Nachrichten zu sehen.
In unserem 2wöchigen Einsatz haben wir insgesamt 370 Personen behandelt
und über 1000 zahnärztliche Versorgungen durchgeführt. Dennoch haben
wir am Ende das Gefühl gehabt, dass unsere Hilfe nur ein Tropfen im
Meer war und dass noch viel mehr zu machen wäre.
Als Ehrengäste des grossen Schulfestes, kamen an unserem letzten Tag in
Kattappana alle Kinder in Reih und Glied um uns zu verabschieden.
„Don`t forget us“, sagen sie noch! „Vergesst nicht Eure Zähne zu
putzen“, antworten wir gerührt, „doch vergesst hauptsächlich nicht zu
lernen und für Eure Zukunft zu studieren!“
Wir werden sie alle sicherlich nicht vergessen, auch nicht die Kinder
von Kalkutta und Bangalore, die Schwestern und die vielen Volontäre,
die wir durch den Verein „Südtiroler Ärzte für die Dritte Welt“
kennenlernen durften und denen wir unsern grossen Dank aussprechen
möchten.
|