"Der einzig wahre Fortschritt für die Menschheit ist der Fortschritt in der Nächstenliebe"
Aldous Huxley
Indien, Dr. Pizzecco - Kalkutta 2003

Bericht von Dr. Toni Pizzecco über seinen Einsatz in Kalkutta

Heuer bin ich zum zweiten Mal nach Kalkutta gereist und ich muss gestehen, dass mich diese Stadt jedes Mal von Neuem in seinen Bann, gemischt aus Faszination und Bedrückung zieht. Eine Stadt, mit 20 Millionen Einwohnern, in die täglich 1000 Menschen, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft hinzuziehen.

ind2.jpgUnd so leben sie, zuerst entlang der Bahngeleise der Hauptbahnhöfe, später auf den Gehsteigen der Stadt und wenn sie Glück haben und besser etabliert sind, dann errichten sie sich eine Baracke in einem der vielen Slums Kalkuttas.Dennoch strahlen diese Menschen in ihrer Armut und in ihrem Elend eine unglaubliche Würde und Demut aus. Ziel meiner Kalkutta-Reise war es erstens das Projekt, das unsere Verein in Zusammenarbeit mit der einheimischen Organisation Ali Sk Memorial for the Children, seit ca. 1 Jahr unterstützt, zu besuchen. Zweitens wurde ein weiteres Projekt an uns herangetragen, in welchem es wiederum um Strassenkinder geht und auch hier wollte ich mir vor einer definitiven Zusage der Zusammenarbeit ein genaueres Bild von der Ausgangssituation machen, und drittens besuchte ich das Sterbehaus der Mutter Theresa von Calcutta um Medikamente, Verbandsmaterial, Handschuhe und auch eine Spende abzugeben. Das Strassenkinderproblem in Kalkutta ist enorm. Man schätzt ihre Anzahl auf 100.000; 10% davon kommen in Heimen unter, 40% werden an Bahnhöfen sporadisch betreut (Essen, medizinische Versorgung) und haben die Möglichkeit in sogenannten "Platform-Schools" eine minimale Erziehung zu erhalten, die anderen 50% sind vollkommen auf sich selbst gestellt. Das Kinderheim der Organisation Ali Sk Memorial for the Children gibt zur Zeit 28 Buben im Alter zwischen 1 1/2 und 10 Jahren ein Zuhause. Diese Kinder sind entweder Waisenkinder oder wurden einfach von ihren Familien ausgesetzt. Sie besuchen eine Privatschule und werden am Nachmittag von Lehrern und Sozialarbeitern betreut, die ihnen bei den Aufgaben helfen. Weiters erhalten sie je nach individuellen Fähigkeiten, Musik- und Sportunterricht. Die Kinder haben mir einen äußerst guten und zufriedenen Eindruck gemacht. Es ist wie eine Großfamilie mit unendlich vielen Brüdern, sogar einen Hund haben sie, damit es ein bißchen "heimelig" ist. (In Indien ist es nicht möglich innerhalb eines Heimes Buben und Mädchen zu vermischen, darum handelt es sich hier um ein reines Bubenheim) Es wird für die medizinische Grundversorgung, Impfungen usw. gesorgt. Ich habe alle Kinder untersucht und außer den schlechten Zähnen waren alle gesund. Da die Notwendigkeit, Straßenkinder in Heimen unterzubringen, sehr groß ist, und da die Organisation genügend Platz hat ein 2. Heim zu errichten, wird Ali Sk Memorial for the Children durch die finanzielle Unterstützung der Südtiroler Ärzte für die Dritte Welt und der Region Trentino Südtirol ein 2. Gebäude und somit ein zweites Heim für ca. 40 Kinder errichten, sobald die endgültige Baugenehmigung definitiv erteilt worden ist. Das zweite Projekt, das ich in Kalkutta besucht habe, geht wiederum um Straßenkinder, genauer, um Kinder aus dem Rotlichtmilieu, Kinder, die durch die Arbeit ihrer Mütter gezeugt wurden, Kinder, die sehr häufig nicht geliebt, ausgesetzt, misshandelt oder sogar selbst zur Prostitution gezwungen werden. Der Laiensorden "Missionaries of the Word" rund um Brother Xavier, arbeitet seit 1994 mit diesen Kindern. Einige Jahre lang wurden diese Kinder von Xavier und seinem Orden in den jeweiligen Vierteln betreut und in "Plateform-Schools" unterrichtet Der Erziehungserfolg war aber gering, da sie am Abend wieder den Schikanen des Milieus unterlagen. 1997 errichte Xavier am Stadtrand von Kalkutta ein Heim für Mädchen, eines für Jungen, in denen jetzt insgesamt 65 Kinder, die von ihren Müttern abgewiesen wurden, ein Zuhause gefunden haben. Sie besuchen staatliche Schulen, werden von Lehrern und Sozialarbeitern rund um die Uhr betreut, sie erhalten Unterricht in Handwerk, Musik, Tanz und Sport. Aufgrund des Stigmas, das diesem Milieu und diesen Menschen anhaftet, können die Missionaries of the Word, auf so gut wie keine Unterstützung zurückgreifen. Da der Mietvertrag, für das Haus (und hier handelt es sich um ein äußerst armseliges Gebäude aus Bambusstangen, Flechtwerk und Plastikplanen) der Mädchen im April 2004 ausläuft, finanzieren die Südtiroler Ärzte für die Dritte Welt zusammen mit der Region Trentino Südtirol den Kauf eines Grundstücks mit Gebäude und die Sanierung des selben. Ich habe das Grundstück und das Gebäude besichtigt, auf dem Xavier mit seinen Mädchen voraussichtlich innerhalb 30. Oktober 2003 einziehen wird. Auf dem selben Grundstück wird ab April 2004 mit dem Bau eines zweiten Gebäudes begonnen, in welchem in Zukunft die Buben untergebracht werden sollen. Zur Zeit stellt die Kirche den Missionaries of the Word ein Gebäude dafür zur Verfügung. Abschliessend habe ich das Sterbehaus der Mutter Theresa von Calcutta besucht, Verbandsmaterial, Handschuhe, Medikamente und eine Spende abgeliefert. Natürlich wird man als Arzt gleich eingesetzt, zum nähen, amputieren, medikamentösen Beratungen usw. Kalikat ist ein einmaliges Haus, in dem Leute aufgenommen werden, die in der "Hölle" Kalkuttas kaum überleben, um dann im "Himmel" Kalkuttas zu sterben Besonders habe ich mich gefreut Andy Wimmer wiederzusehen, der als ehemaliger Bankkaufmann seit 12 Jahren in diesem Haus dient. 

 

 
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