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6 Monate in Fortaleza, der Hauptstadt des Bundesstaates Ceará, im Nordosten von Brasilien, der aermsten Region dieses immensen Landes.Etwas mehr als 2 Mio. Einwohner hat Fortaleza, 30% davon leben in favelas - und jedes Jahr werden es mehr, da immer noch viele Menschen aus dem trockenen Landesinneren in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Stadt ziehen.
Eine dieser favelas ist Vincente Pinzon II. Ca. 15.000 Menschen wohnen
dort in auf Sand gebauten Haeusern, die entweder aus Ziegeln gemauert
oder einfach nur aus Holz und Karton gezimmert sind, die Fuessboeden
sind teils betoniert, teils einfach nur Sand. Nur 2/3 der Familien
haben Zugang zu fliessendem Wasser, die Analphabetenrate unter den
Erwachsenen betraegt 30%, die Arbeitslosigkeit ist hoch, Gewalt an der
Tagesordnung und die Gesundheitsversorgung durch den zustaendigen Posto
de Saúde ( Gesundheitsposten) sehr sehr unzureichend. In einem Teil
dieser favela, in Morro das Sandras, arbeitet seit ca. 5 Jahren die
Stiftung Mandacaru, eine von AerztInnen, PaedagogInnen und
RepraesentantInnen der favela gegruendeten
Nicht-Regierungs-Organisation (NGO).Meine Arbeit bestand in der
Durchfuehrung von zwei kleinen Studien zur Verbesserung der Diagnostik
und zur Behandlung von Kopflaeusen und von Skabies (Kraetze).Diese
Erkrankungen kommen unter solchen Lebensumstaenden sehr haeufig ( bis
zu 40% haben Kopflaeuse, bis zu 20% Skabies) vor und fuehren oft zu
Komplikationen und Superinfektionen und verstaerken die soziale
Ausgrenzung dieser Menschen. Die herkoemmliche Therapie besteht in der
lokalen Anwendung von Benzylbenzoat, Pyrethrin, Monosulfiram und
anderen aehnlichen Substanzen. Diese sind sehr aggressiv, haben
Nebenwirkungen und haeufig wird die Therapie von den Betroffenen selbst
abgebrochen. In Zusammenarbeit mit Dr. Joerg Heukelbach, Arzt und
Mitbegruender der Stiftung Mandacaru, wurde versucht, sowohl Laeuse als
auch Skabies mit pflanzlichen Mitteln zu behandeln.Verwendet wurden
eine auf Kokosoel, Jojoba und Panthenol basierende Lotion gegen Skabies
und ein Schampoo mit Neem-Oel gegen Laeuse. Der Neem-Baum wird schon
seit 4.500 Jahren in der tradiionellen indischen Medizin fuer
zahlreiche medizinische und kosmetische Zwecke verwendet. Seit einigen
Jahren wird er auch in Ceará angepflanzt und bisher als natuerlicher
Schaedlingsbekaempfer in der Landwirtschaft und fuer kosmetische
Produkte benutzt.Ich arbeitete zusammen mit Vanja, der líder
comunitaria ( Repraesentantin der Bewohner der favela) und wichtige
Ansprechpartnerin und Vermittlerin der Stiftung in der favela. Wir
gingen zu den Familien in die Haeuser, untersuchten (Inspektion der
Haut, Skin scrapings, Untersuchen der Haare, Urinproben) und
behandelten die Betroffenen - die Haelfte mit den pflanzlichen Mitteln,
die Haelfte mit Ivermectin - und machten woechentliche Kontrollbesuche.
Die Stiftung hat seit Dezember 2003 einen kleinen Kindergarten in der
favela, wo am Vormittag ca. zwanzig 3-6jaehrige Kinder betreut
werden.Es weren vor allem die Kinder aufgenommen, die keinen Platz in
einem staatlichen Kindergarten haben oder deren Muetter dadurch die
Chance haben einer Arbeit nachzugehen.Dort bekommen die KInder auch ein
kleines Fruehstueck und ein warmes Mittagessen, zubereitet von Koechin
Rosa, die selbst in der favela wohnt.Am Nachmittag steht das Haus allen
Kindern und Jugendlichen offen - zum freien Spielen, aber auch zum
Jonglieren, Malen, Basteln im Rahmen von immer wieder angebotenen
Workshops. Die Betreuung der Kinder und Jugendlichen lag bis vor kurzem
in den Haenden von Freiwilligen aus Europa und auch aus
Fortaleza.Phasenweise gab es zuwenig und so half auch ich im Haus
mit.Die Arbeit mit den Kindern war eine grosse Herausforderung, sehr
gefuehls - intensiv und energiezehrend, aber auch sehr sehr schoen und
verstaerkte meine Beziehung zu den Familien. Was aber fehlte war eine
kontinuierliche, muttersprachliche Betreuung der Kinder.Dank der
Unterstuetzung der Suedtiroler Aerzte fuer die 3. Welt, die das Gehalt
einer Kindergaertnerin fuer ein Jahr uebernommen haben, kuemmert sich
nun seit Ende August "tia" (Tante) Paula zusammen mit Freiwilligen mit
sehr viel Liebe und Einsatz um die Kinder. Es war nicht nur aus
medizinischer Sicht ein spannendes, fremdlaendisches halbes Jahr,
sondern vor allem aus persoenlicher, menschlicher Sicht eine sehr
praegende Zeit. Der 1. Tag in der favela war nicht wirklich
schockierend.Ich hatte es mir ungefaehr vorstellen koennen, wie es dort
so aussieht.Richtig tief getroffen hat es mich erst nach einiger Zeit,
durch das taegliche Dortsein, das Sich-Aufhalten in den Haeusern, durch
das naehere Kennenlernen der Menschen, durch das Miterleben von Hunger,
Gewalt und Alkohol in den Familien, durch Gespraeche, durch das Spielen
mit den Kindern und nicht zuletzt aufgrund der Tatsache dass Vanja
eines morgens einfach nicht mehr da war, da sie aufgrund von
gewaltvollen Ereignissen und undurchsichtigen Verstrickungen innerhalb
der favela Hals ueber Kopf fliehen und alles zuruecklassen musste. Erst
dadurch konnte ich die tatsaechliche Wirklichkeit, die
Lebensbedingungen und Zukunftsaussichten dieser Kinder, Jugendlichen
und Erwachsenen richtig begreifen. Zurueck bleibt ein klein wenig
Traurigkeit, viele liebe kleine und grosse Menschen zuruecklassen zu
muessen, der Wunsch nach einer besseren Zukunft fuer sie alle und das
Bewusstsein, wie wichtig es ist, sich fuer diese Menschen einzusetzen.
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