"Der einzig wahre Fortschritt für die Menschheit ist der Fortschritt in der Nächstenliebe"
Aldous Huxley
Brasilien Fortaleza – Dr. M. Kuenzer Oktober 2004

6 Monate in Fortaleza, der Hauptstadt des Bundesstaates Ceará, im Nordosten von Brasilien, der aermsten Region dieses immensen Landes.Etwas mehr als 2 Mio. Einwohner hat Fortaleza, 30% davon leben in favelas - und jedes Jahr werden es mehr, da immer noch viele Menschen aus dem trockenen Landesinneren in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Stadt ziehen. 

brasil2.jpgEine dieser favelas ist Vincente Pinzon II. Ca. 15.000 Menschen wohnen dort in auf Sand gebauten Haeusern, die entweder aus Ziegeln gemauert oder einfach nur aus Holz und Karton gezimmert sind, die Fuessboeden sind teils betoniert, teils einfach nur Sand. Nur 2/3 der Familien haben Zugang zu fliessendem Wasser, die Analphabetenrate unter den Erwachsenen betraegt 30%, die Arbeitslosigkeit ist hoch, Gewalt an der Tagesordnung und die Gesundheitsversorgung durch den zustaendigen Posto de Saúde ( Gesundheitsposten) sehr sehr unzureichend. In einem Teil dieser favela, in Morro das Sandras, arbeitet seit ca. 5 Jahren die Stiftung Mandacaru, eine von AerztInnen, PaedagogInnen und RepraesentantInnen der favela gegruendeten Nicht-Regierungs-Organisation (NGO).Meine Arbeit bestand in der Durchfuehrung von zwei kleinen Studien zur Verbesserung der Diagnostik und zur Behandlung von Kopflaeusen und von Skabies (Kraetze).Diese Erkrankungen kommen unter solchen Lebensumstaenden sehr haeufig ( bis zu 40% haben Kopflaeuse, bis zu 20% Skabies) vor und fuehren oft zu Komplikationen und Superinfektionen und verstaerken die soziale Ausgrenzung dieser Menschen. Die herkoemmliche Therapie besteht in der lokalen Anwendung von Benzylbenzoat, Pyrethrin, Monosulfiram und anderen aehnlichen Substanzen. Diese sind sehr aggressiv, haben Nebenwirkungen und haeufig wird die Therapie von den Betroffenen selbst abgebrochen. In Zusammenarbeit mit Dr. Joerg Heukelbach, Arzt und Mitbegruender der Stiftung Mandacaru, wurde versucht, sowohl Laeuse als auch Skabies mit pflanzlichen Mitteln zu behandeln.Verwendet wurden eine auf Kokosoel, Jojoba und Panthenol basierende Lotion gegen Skabies und ein Schampoo mit Neem-Oel gegen Laeuse. Der Neem-Baum wird schon seit 4.500 Jahren in der tradiionellen indischen Medizin fuer zahlreiche medizinische und kosmetische Zwecke verwendet. Seit einigen Jahren wird er auch in Ceará angepflanzt und bisher als natuerlicher Schaedlingsbekaempfer in der Landwirtschaft und fuer kosmetische Produkte benutzt.Ich arbeitete zusammen mit Vanja, der líder comunitaria ( Repraesentantin der Bewohner der favela) und wichtige Ansprechpartnerin und Vermittlerin der Stiftung in der favela. Wir gingen zu den Familien in die Haeuser, untersuchten (Inspektion der Haut, Skin scrapings, Untersuchen der Haare, Urinproben) und behandelten die Betroffenen - die Haelfte mit den pflanzlichen Mitteln, die Haelfte mit Ivermectin - und machten woechentliche Kontrollbesuche. Die Stiftung hat seit Dezember 2003 einen kleinen Kindergarten in der favela, wo am Vormittag ca. zwanzig 3-6jaehrige Kinder betreut werden.Es weren vor allem die Kinder aufgenommen, die keinen Platz in einem staatlichen Kindergarten haben oder deren Muetter dadurch die Chance haben einer Arbeit nachzugehen.Dort bekommen die KInder auch ein kleines Fruehstueck und ein warmes Mittagessen, zubereitet von Koechin Rosa, die selbst in der favela wohnt.Am Nachmittag steht das Haus allen Kindern und Jugendlichen offen - zum freien Spielen, aber auch zum Jonglieren, Malen, Basteln im Rahmen von immer wieder angebotenen Workshops. Die Betreuung der Kinder und Jugendlichen lag bis vor kurzem in den Haenden von Freiwilligen aus Europa und auch aus Fortaleza.Phasenweise gab es zuwenig und so half auch ich im Haus mit.Die Arbeit mit den Kindern war eine grosse Herausforderung, sehr gefuehls - intensiv und energiezehrend, aber auch sehr sehr schoen und verstaerkte meine Beziehung zu den Familien. Was aber fehlte war eine kontinuierliche, muttersprachliche Betreuung der Kinder.Dank der Unterstuetzung der Suedtiroler Aerzte fuer die 3. Welt, die das Gehalt einer Kindergaertnerin fuer ein Jahr uebernommen haben, kuemmert sich nun seit Ende August "tia" (Tante) Paula zusammen mit Freiwilligen mit sehr viel Liebe und Einsatz um die Kinder. Es war nicht nur aus medizinischer Sicht ein spannendes, fremdlaendisches halbes Jahr, sondern vor allem aus persoenlicher, menschlicher Sicht eine sehr praegende Zeit. Der 1. Tag in der favela war nicht wirklich schockierend.Ich hatte es mir ungefaehr vorstellen koennen, wie es dort so aussieht.Richtig tief getroffen hat es mich erst nach einiger Zeit, durch das taegliche Dortsein, das Sich-Aufhalten in den Haeusern, durch das naehere Kennenlernen der Menschen, durch das Miterleben von Hunger, Gewalt und Alkohol in den Familien, durch Gespraeche, durch das Spielen mit den Kindern und nicht zuletzt aufgrund der Tatsache dass Vanja eines morgens einfach nicht mehr da war, da sie aufgrund von gewaltvollen Ereignissen und undurchsichtigen Verstrickungen innerhalb der favela Hals ueber Kopf fliehen und alles zuruecklassen musste. Erst dadurch konnte ich die tatsaechliche Wirklichkeit, die Lebensbedingungen und Zukunftsaussichten dieser Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen richtig begreifen. Zurueck bleibt ein klein wenig Traurigkeit, viele liebe kleine und grosse Menschen zuruecklassen zu muessen, der Wunsch nach einer besseren Zukunft fuer sie alle und das Bewusstsein, wie wichtig es ist, sich fuer diese Menschen einzusetzen. 

 
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