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Bericht über meinen fünften Einsatz 2008 in Kalkutta - „Hoffnung auf einen besseren Morgen“
Seit ein paar Tagen bin ich wieder zurück von meinem Einsatz, es ist bereits das fünfte Jahr, dass ich für mehrere Wochen / Monate in Indien unterwegs bin. Ein paar Erlebnisse der letzten Jahre möchte ich Ihnen erzählen.
Seit meinem ersten Einsatz 2004 haben wir viel erreicht. Gemeinsam
mit meinem Lebensgefährten Christian, organisieren wir viele Vorträge
überall in Südtirol, um die Menschen aufzurütteln. Um ihnen aber auch
zu sagen, dass wir in einer privilegierten Gesellschaft leben. Um ihnen
zu sagen, was man braucht um glücklich zu sein, um ihnen Bilder zu
zeigen, die Betroffenheit und Spuren hinterlassen aber nicht zuletzt um
Hoffnung zu geben. Deshalb heißt mein Motto: „Hoffnung auf einen
besseren Morgen“.
Wenn viele Bilder auch sehr weh tun, so möchte ich den Menschen
zeigen, was wir in den letzten Jahren durch die wertvolle Unterstützung
der Südtiroler geschafft haben. Viele Spender begleiten mich nun seit 5
Jahren, sie schenken mir ihr Vertrauen und geben mir Kraft. Das ist für
mich ein großartiges Geschenk. Helfen zu dürfen ist für mich ein
Privileg, es macht mich sehr glücklich. Und wenn ich in diese Hunderte
funkelnden Augen sehen darf, so ist es nicht zuletzt der Erfolg meiner
Spender.
Die „Südtiroler Ärzte für die Dritte Welt“ unterstützen seit Jahren
Andy Wimmer, der 18 Jahren seinen unermüdlichen Einsatz im Sterbehaus
gibt. Ein Haus wo viele Menschen das erste Mal erfahren dürfen was
Liebe ist. Die Sterbenden und Leidenden werden respekt- und würdevoll
behandelt. Seinem Traum ein eigenes Heim für schwerstbehinderte Buben
zu haben kommt Andy immer näher, denn durch den Verkauf des Buches von
Dr. Toni Pizzecco „Mut machen oder Mies machen“, wurde voriges Jahr das
Grundstück angekauft. Nach einigen Jahren der Bürokratie, (da braucht
man in Indien schon eine eigene Schule um das zu kapieren, denn in
Indien funktioniert außer der Sonnenauf– und Untergang fast nichts)
stehen nun auch schon die Grundmauern und Andy ist sehr zuversichtlich,
dass er bis nächstes Jahr einziehen kann. Ca. 15 Buben möchte Andy dort
ein neues zu Hause geben. Ein besonderer Dank an dieser Stelle auch dem
Kiwanis Club, der uns schon mehrere Jahre unterstützt.
Derzeit ist Andy in einem kleinen Mietshaus, wo er für 6 Buben,
jeder hat ein fassungsloses Schicksal hinter sich, wie ein Vater ist.
Andy schenkt von sich selbst, er schenkt ihnen Liebe.
Andy nahm sich auch die Zeit um mit mir zu einem kleinen Projekt,
außerhalb Kalkuttas zu fahren, NIR ist der Name, dieses Projektes. Drei
sehr mutige und ein einfühlsame Personen nahmen sich 30 behinderter
Kinder an. Diese werden täglich von den Eltern zum Hause NIR gebracht.
Als wir ankamen haben diese besondern Kinder für uns gesungen und Tänze
vorgeführt. Andy und ich weinten. Er hätte am liebsten die kleinen
Spastiker alle mitgenommen. Diese haben es ihm besonders angetan.
79 Kinder, aus verschiedenen Dörfern, können nicht zum Unterricht
kommen, sie sind schwerstbehindert. Derzeit gehen 6 Psychologen zu
diesen Kindern nach Hause. Insgesamt hat NIR nun 250 Personen
registriert. Das Ziel von NIR ist es, dass die Bevölkerung lernt die
Behinderten zu akzeptieren, dass sie mit der Behinderung ihres Kindes
umgehen können. 11 freiwillige Angestellte zählt das Projekt derzeit,
sie bekommen ca. 4 Euro Trinkgeld pro Monat. Wir hatten auch die
Möglichkeit einige Familien mit ihren schwer behinderten Kindern zu
Hause zu besuchen. In all den Jahren habe ich noch nie ein solches
Projekt in Kalkutta gesehen, das sich so sehr um behinderte,
verkrüppelte oder gehörlose Menschen kümmert. Wie wir wissen, haben
Behinderte z.B. Gehörlose oder auch Spastiker in Indien kaum eine
Chance in die Gesellschaft integriert zu werden. Sicherlich werden wir
dieses Projekt nicht vergessen.
Einen Menschen wie Andy habe ich bis heute noch nie begegnet, von
ihm durfte ich vieles lernen. Der Abschied von ihm fällt mir jedes mal
schwer, auch wenn ich nicht weinen will, jedes mal laufen mir die
Tränen übers Gesicht, und seine letzten Worte sind immer „Habe die
Ehre“...
Ein Pflichtbesuch ist auch das nächste Projekt das wir von Südtirol
aus unterstützten „ Xavier und die Kinder aus dem Rotlichtmilieu“.
Dort platzt das Haus fast aus allen Nähten, 220 Kinder sind es
mittlerweile. Angefangen hat Xavier mit 2 Kindern vor 10 Jahren. Jeden
Tag in der Früh geht Xavier in die Stadt, meistens in dem Gebiet von
Kalighat und schaut nach verwahrlosten Kindern. Kinder die die Mütter
wegwerfen und nicht mehr haben wollen oder können. Sie werden von der
Polizei registriert und dann darf er sie mit nehmen. Die kleinsten
Bewohner sind Zwillinge, nun knapp ein Jahr alt. Ein Häufchen Elend in
einer Decke gewickelt fand er die Winzlinge in der Sudderstreet. Von
der Mutter keine Spur. Xavier zögerte nicht lange, gab beiden einen
Namen und nahm sich ihrer an. Sie nennen ihn Papa. Mit großer Freude
durfte ich einen Gutschein für 370.260 warme Mahlzeiten an Xavier und
seinen Kindern übergeben. Dank der Golmarket Sammelaktion von 2006 /
2007 kam es zu dieser einzigartigen Aktion. Erwähnen möchte ich auch
den Lions Club und Eccel Daunenstep die ebenfalls großzügig das Projekt
von Xavier unterstützen.
Vergelt' s Gott allen die mitgemacht haben.
Da ich voriges Jahr viele Spendengelder sammeln konnte ist es mir
gelungen für das neue Schuljahr 2008, 200 Müllkinder zur Schule zu
schicken . Sie sind die ärmsten der Armen und hätten niemals die Chance
gehabt auch nur einen Tag die Schulbank zu drücken. Die Kleinen kommen
in der Früh ins Center von Don Bosco Nitika, in Kalkutta, wo sie
gewaschen und verpflegt werden
Wir haben im Projekt Näherinnen , nun mehr als 20 Frauen die wir
ausbilden lassen. Auch dies verdanken wir den treuen Südtiroler
Spendern. Nach einem Jahr Nähunterricht machen sie eine Prüfung, bei
Erfolg bekommen sie mit unseren Spendengeldern eine Nähmaschine und
können somit ihre eigene Familie ernähren.
Samstagprogramm für Müll- und Strassenkinder:
Dieser Tag ist für Hunderte von Kindern ein Freudentag. Das letzte
mal waren es mehr als 800 Kinder. Einen Vormittag lang dürfen die
Kinder sich freuen und dürfen wirklich Kinder sein. Bei den Spielen
erhalten sie Gutscheine die sie am Ende des Spieltages bei den
Straßenhändlern gegen Essen eintauschen können. Sie erhalten Bananen,
Brote, hart gekochte Eier und Getränke. Einmal pro Monat erhalten die
Kinder auch Kleider. Die Gutscheine die die Straßenhändler von den
Kindern erhalten tauschen sie dann beim Father George in Geld um.
Besucht habe ich auch Anita, jene junge Frau, der ich 2005 das
Leben retten durfte. Anita hat bei einem Zugunglück beide Beine
verloren. Mit Hilfe der Südtiroler Spendengelder konnten wir ihr
Prothesen kaufen. Wir haben für Anita ein kleines Haus außerhalb der
Slums gebaut, wo sie nun glücklich mit ihrer Familie lebt.
Für die nächsten 3 Wochen war ich in verschiedenen Projekten die
wir gemeinsam mit dem Verein „Hilfe für Kinder der Dritten Welt“ aus
Schweinfurt betreuen unterwegs.
Krishnagar, Azimganj, Polsondamore, Boropahari und Joypur. Im letzt
genannten Ort bauen wir noch in diesem Jahr eine Schule für ca. 420
Kinder. In Krishnagar finanzieren wir Duschen für mehr als 300 Schüler,
die derzeit im Heim keine Waschgelegenheit haben.
Mein nächstes Ziel war der Norden Indiens, Sonada. Dort haben wir
voriges Jahr in verschiedenen Dörfern Wassertanks gebaut. Wasser ist
Leben und das schätzt man erst, wenn man Kinder sieht, die Kilometer
weit zu fuß unterwegs sind, um sauberes Wasser nach Hause zu schleppen.
Auch dieses Jahr finanzieren wir mehrere Wassertanks. Vielleicht
könnten wir auch mal nachdenken was es heißt, wenn wir in der Früh
duschen und dieses kostbare GUT genießen dürfen. Sind wir dafür denn
dankbar? Millionen Menschen werden niemals die Chance haben unter der
Dusche zu stehen und dieses prickelnde Nass zu spüren. Ist das nicht
ein Privileg?
Voriges Jahr haben wir in Sonada 3 Schulen mitfinanziert. Eine
Schule für mehr als 400 Schüler und 2 kleinere wo ca. 120 Kinder von
den Bergdörfern eine Ausbildung erhalten. Bisher mussten die Kleinen
oftmals einen Fußmarsch von mehr als 3-4 Stunden zurücklegen um in die
Schule zu gelangen. Nach dem Unterricht mussten sie wieder den harten
Fußmarsch nach Hause antreten. So haben wir vielen Kindern den Schulweg
um einiges verkürzt. Durch die Ausbildung der Kinder versuchen wir
soziale Gerechtigkeit zu schaffen, denn so können sie einen
handwerklichen Beruf erlernen, und dem Teufelskreis des Elends
entfliehen.
Auch in Sonada werden wir dieses Jahr wiederum eine Schule bauen
lassen. Wichtig ist uns jeweils in den verschieden Projekten, dass die
Bevölkerung miteinbezogen wird. Sie müssen selbst „Hand anlegen“,
müssen das Projekt annehmen und unterstützen, denn nur so kann ein
Projekt auch längerfristig Früchte ernten. Sie selbst müssen lernen um
was es geht. So auch unser Grundsatz beim Rachitisprojekt, in Shillong.
Bereits seit mehreren Jahren liegen mir die Rachitiskinder sehr am Herzen.
Rachitis ist eine Krankheit die bei uns in der Kriegszeit als
„Englische Krankheit“ bezeichnet wurde. Falsche Ernährung bzw.
Vitaminmangel und Unterernährung sind die Ursache für eine Verformung
der Knochen bei den Kindern. Rachitis ist jedoch heilbar, wenn man
frühzeitig die Krankheit erkennt.
Mit den Spendengeldern die ich sammeln konnte, bezahlen wir
Ärztecamps, die mehrmals im Monat an verschiedenen Orten durchgeführt
werden. Ebenso erhalten die Kinder Vitamine und Impfungen. Wenn ein
Kind regelmäßig die Vitamine erhält, und die Rachitis ist noch nicht so
fortgeschritten, so kann man in einigen Jahren große Fortschritte
erzielen.
Dieses Jahr ist es uns gelungen durch die gute Zusammenarbeit von
Sister Magdalena ein Projekt auszuarbeiten wo mehrere Tausende Menschen
miteinbezogen sind. Wir haben bereits voriges Jahr begonnen, Frauen vor
Ort, von indischen Ärzten und Krankenschwestern, als
Ernährungsberaterinnen auszubilden. Die Inhaltspunkte der Programme
sind z. B. Hygiene, Ernährung für Kinder und Mütter, Familienplanung,
Gartenanbau und vieles mehr. Diese Frauen geben das Erlernte an die
eigene Bevölkerung weiter. Dieses Jahr haben wir mehr als 50
Self-Help-Groups gebildet. Mehr als 10 Frauen sind in jeder Gruppe.
Hunderte von kleineren Dörfern werden von den ausgebildeten Frauen
besucht und unterrichtet. Nur so wird es uns gelingen in einigen Jahren
gegen diese Krankheit anzukämpfen.
Ich werde mit diesen Menschen den Weg, so gut ich kann weitergehen.
Wenn es auch an manchen Tagen sehr hart ist, all das Elend zu sehen, so
bin ich doch für jeden Tag wo mich diese Kinder und Menschen in den
Elendsvierteln von Indien, mit ihrem unbeschreiblichen Lachen, ihrer
einmaligen Zufriedenheit und ihren funkelnden Augen, berührt haben,
sehr sehr dankbar. Sie haben mich reich beschenkt mit dem was sie ganz
tief im Inneren besitzen, es ist wie ein Schatz, man kann es nicht
beschreiben man muss es fühlen. Sie haben mir gelernt was Zufriedenheit
und Dankbarkeit sind. Die Menschen dort in Indien sind reicher als wir,
wenn sie auch „nichts“ besitzen. Sie schenken von Ihrem Herzen, sie
geben etwas von sich selbst. Um glücklich zu sein, braucht es sehr sehr
wenig. Auf die Stimme des Herzen kommt es an.
Allen Menschen die mich begleiten, die mir Kraft geben die mir aber
auch ihr Vertrauen schenken, möchte ich dieses einmalige Lachen, diese
Zufriedenheit weiterschenken. Das sind die wahren Geschenke die uns
glücklich machen.
Geben wir gemeinsam die „Hoffnung auf einen besseren Morgen“ niemals auf.
Vergelt' s Gott, Petra Theiner aus Prad März 2008
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