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Bericht des Anästhesisten Dr. Meinhard Kritzinger - Einsatz in einem Krankenhaus von Angola
Dr. Meinhard Kritzinger ist nach einem 7-monatigen Einsatz in einem Krankenhaus von Angola wieder in Südtirol. Die Zusammenarbeit der Südtiroler Ärzte für die Dritte Welt und Medecins sans Frontieres haben den Anästhesisten in die Nähe von Kuito geführt, von wo aus er uns folgenden Bericht zukommen ließ: Hier ein paar Informationen über meinen Aufenthalt in Angola.
Das Krankenhaus liegt in Kuito im Hochland von Bie , auf beinahe
2000 Meter Höhe circa 2 Flugstunden von Luanda entfernt. Es ist das
einzige funktionierende Krankenhaus in der ganzen Provinz die ungefähr
die Grösse von Norditalien hat. Kuito, die Provinzhauptstadt hat ca.
30.000 Einwohner, dazu kommen in etwa 150.000 Flüchtlinge aus den
umliegenden Gebieten. Die Regierungsarmee sowie auch die Truppen der
Rebellenorganisation UNITA vertreibt systematisch Leute um das Gebiet
für die Gegenpartei nicht mehr nutzbar zu machen, beide Kriegsparteien
rekrutieren ihre Soldaten aus den Familien die am Land wohnen, und
versorgen sich auch mit Lebensmitteln. Wenn das Gebiet dann geplündert
und entvölkert ist, wird es so vermint dass man es nicht mehr betreten
kann. Die vertriebenen Leute werden in Camps von den Armeen zuerst
eingesammelt und dann nach ein paar Monaten wenn sie beinahe am
verhungern sind kommen sie dann unter Umständen in tagelangen
Fussmaerschen nach Kuito, wo sie von den diversen Hilfsorganisationen
versorgt werden und auch Zugang zum Krankenhaus haben. Kuito ist von
der Außenwelt relativ abgeschnitten, es gibt eine Strasse wo manchmal
Lastwagen durchkommen, manchmal werden sie auch überfallen, deshalb
wird alles hier eingeflogen, von der Coladose bis zu Milch und Decken.
Ich arbeite mit einem Team von Ärzten ohne Grenzen (medicins sans
frontiers, msf ) Das Team besteht aus 14 Personen, darunter
Krankenschwestern, Ärzte, Leuten die sich um die Versorgung, Transport
und Logistik kümmern. Ich wohne in einem großen Haus mit 5 anderen
Ärzten, wir haben es nett, jeden abends wird gekocht, es ist wie eine
große Wohngemeinschaft. Strom haben wir nur selten, Wasser fehlt auch
manchmal, es gibt Tage da kann man sich nicht waschen. Wie alle Häuser
hier in Kuito ist auch unser Haus relativ zerstört und wenn es regnet
dann tropft das Wasser durch die Einschusslöcher in der Decke herunter
und wie müssen überall Kübel aufstellen, jedenfalls vergeudet msf
sicher nicht viel Spendengelder für das Personal.. Das Krankenhaus ist
ca. 5 min weg, untertags können wir gehen , in der Nacht müssen wir
immer einen Fahrer rufen der uns dann hinbringt,aus Sicherheitsgründen,
haben wir immer ein Funkgerät mit und jede Woche gibt es eine Sitzung
mit allen Mitgliedern in der Sicherheitsprobleme besprochen werden. Die
Stadt ist sonst sicher, die Kämpfe sind in ca. 50 km Entfernung und
alles was wir von dem Krieg spüren sind die Verletzten, darunter sehr
viele Zivilpersonen und Kinder , die in das Krankenhaus kommen. In der
Nacht hört man hie und da Schusswechsel, es sind aber meist betrunkene
Soldaten oder wie letzte Woche ein Wahnsinniger der durch die Gegend
geschossen hat und ein paar Leute umgebracht hat. Es hat natürlich
jeder hier in der Stadt mindestens ein Maschinengewehr . Das
Krankenhaus liegt am Rande der Stadt, es hat 300 Betten aber es sind
ca. 500 Patienten darin untergebracht, dazu kommen Zelte in denen ca.
500 Kinder wohnen die unterernährt sind und die dort aufgepäppelt
werden. Trotzdem sterben im Moment beinahe 20% der Kinder weil sie
einfach in einem zu schlechten Zustand ankommen. Die Krankenstationen
gleichen Kriegslazaretten , überall Patienten , in jedem Bett bis zu 3
Kinder, Erwachsene die am Boden schlafen und unter den Betten. Wir
haben 2 OP-Säle, die spartanisch ausgerüstet sind, die Narkosen werden
nur mit Ketamin gemacht,wir haben einen Sauerstoffkonzentrator der
funktioniert wenn Strom ist, der aber oft ausfällt. Gestern ist uns ein
OP-Tisch ( noch von der portugiesischen Kolonialzeit mit Museumswert)
zusammengebrochen, so wurde halt auf einer Liege weiteroperiert. Man
lernt sehr rasch improvisieren. Es werden so ca. 250 Operationen im
Moment gemacht, manchmal bis zu 15 am Tag, meistens Schuss oder
Minenverletzungen, manche schon Tage alt mit Würmern usw.. meine
Aufgabe ist es hier eine handvoll Krankenschwestern in Anästhesie
auszubilden, so eine einfache Narkose können sie schon geben, aber mit
Intubation und Kinder- Anästhesie und Spinalanästhesie hapert es schon
schwer. In der ersten Woche nach meiner Ankunft haben wir 2 Kinder
operiert, jedes 2.5 kg , eines mit einer Colonatresie, das andere mit
einer oesophagotrachealen Fistel, beide haben überlebt, das war schon
eher eine Herausforderung, wir haben an Monitoring lediglich ein
Pulsoximeter, und bei dem haben die Batterien versagt so haben wir die
OP ohne Monitoring gemacht. Ich bin meistens im OP und schaue den
Leuten so auf die Finger dass sie alles richtig machen, dreimal in der
Woche halte ich Vorlesungen in der Früh, ich muss mich auch um die
Sterilisation und Aufbereitung der Chirurgischen Sets kümmern und um
Dienstpläne, außerdem Personalverhandlungen mit dem Direktor und dem
Militär usw., also zusätzlich zu der Ausbildung habe ich auch die ganze
Bürokratie am Hals, und das alles in portugiesisch, das ich inzwischen
ganz gut spreche. Ich arbeite meist mit einer Chirurgin aus Bogota
zusammen, die wie ich Schwestern in Chirurgie ausbildet, das Ziel ist
dass das Krankenhaus in Zukunft unabhängig von Ärzten funktionieren
kann. Wir haben eine Intensivstation mit 7 Betten, wo Patienten liegen
die eine bessere Überwachung brauchen, Beatmungsmöglichkeit gibt es
keine, Sauerstoff manchmal, und so muss man halt Leute mit 65%
Sättigung und offenem, dh mit einem ringer laktat Plastikbeutel
verschlossenem Abdomen extubieren und in Spontanatmung irgendwie über
die Runden bringen. Katecholamine haben wir auch keine, also muss man
alles mit Flüssigkeit machen, es hilft natürlich dass die meisten
Patienten sehr jung sind, nachdem die mittlere Lebenserwartung 39 Jahre
hier ist. Ich bin im Prinzip 24 Stunden im Dienst , 7 Tage in der
Woche. Ich sehe viele Leute, vor allem Kinder sterben ,das ist oft
schwer vor allem wenn man weiß dass sie unter anderen Umständen
problemlos gerettet werden könnten. Alle 6 Wochen haben wir ein
Wochenende frei und wir werden in die Hauptstadt nach Luanda
ausgeflogen. Der Gegensatz in Luanda ist unglaublich, die Stadt ist
reich da das Geld durch die reichen Diamanten und Erdölvorkommen hier
hereinfliest, mit Dollars kann man alles kaufen, essen gibt es im
Überfluss. Man kann dort nobel essen gehen oder am Strand herumhängen
oder wie in meinem Fall surfen gehen, wenn man 30 km südlicher fährt.
Dort haben wir auch unsere Zentrale mit Internetzugang und so kann ich
dieses Mail schicken.
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