"Der einzig wahre Fortschritt für die Menschheit ist der Fortschritt in der Nächstenliebe"
Aldous Huxley
Angola Dr. M. Kritzinger - Einsatz mit MSF 2002

Bericht des Anästhesisten Dr. Meinhard Kritzinger - Einsatz in einem Krankenhaus von Angola

Dr. Meinhard Kritzinger ist nach einem 7-monatigen Einsatz in einem Krankenhaus von Angola wieder in Südtirol. Die Zusammenarbeit der Südtiroler Ärzte für die Dritte Welt und Medecins sans Frontieres haben den Anästhesisten in die Nähe von Kuito geführt, von wo aus er uns folgenden Bericht zukommen ließ: Hier ein paar Informationen über meinen Aufenthalt in Angola.

angola1.jpgDas Krankenhaus liegt in Kuito im Hochland von Bie , auf beinahe 2000 Meter Höhe circa 2 Flugstunden von Luanda entfernt. Es ist das einzige funktionierende Krankenhaus in der ganzen Provinz die ungefähr die Grösse von Norditalien hat. Kuito, die Provinzhauptstadt hat ca. 30.000 Einwohner, dazu kommen in etwa 150.000 Flüchtlinge aus den umliegenden Gebieten. Die Regierungsarmee sowie auch die Truppen der Rebellenorganisation UNITA vertreibt systematisch Leute um das Gebiet für die Gegenpartei nicht mehr nutzbar zu machen, beide Kriegsparteien rekrutieren ihre Soldaten aus den Familien die am Land wohnen, und versorgen sich auch mit Lebensmitteln. Wenn das Gebiet dann geplündert und entvölkert ist, wird es so vermint dass man es nicht mehr betreten kann. Die vertriebenen Leute werden in Camps von den Armeen zuerst eingesammelt und dann nach ein paar Monaten wenn sie beinahe am verhungern sind kommen sie dann unter Umständen in tagelangen Fussmaerschen nach Kuito, wo sie von den diversen Hilfsorganisationen versorgt werden und auch Zugang zum Krankenhaus haben. Kuito ist von der Außenwelt relativ abgeschnitten, es gibt eine Strasse wo manchmal Lastwagen durchkommen, manchmal werden sie auch überfallen, deshalb wird alles hier eingeflogen, von der Coladose bis zu Milch und Decken. Ich arbeite mit einem Team von Ärzten ohne Grenzen (medicins sans frontiers, msf ) Das Team besteht aus 14 Personen, darunter Krankenschwestern, Ärzte, Leuten die sich um die Versorgung, Transport und Logistik kümmern. Ich wohne in einem großen Haus mit 5 anderen Ärzten, wir haben es nett, jeden abends wird gekocht, es ist wie eine große Wohngemeinschaft. Strom haben wir nur selten, Wasser fehlt auch manchmal, es gibt Tage da kann man sich nicht waschen. Wie alle Häuser hier in Kuito ist auch unser Haus relativ zerstört und wenn es regnet dann tropft das Wasser durch die Einschusslöcher in der Decke herunter und wie müssen überall Kübel aufstellen, jedenfalls vergeudet msf sicher nicht viel Spendengelder für das Personal.. Das Krankenhaus ist ca. 5 min weg, untertags können wir gehen , in der Nacht müssen wir immer einen Fahrer rufen der uns dann hinbringt,aus Sicherheitsgründen, haben wir immer ein Funkgerät mit und jede Woche gibt es eine Sitzung mit allen Mitgliedern in der Sicherheitsprobleme besprochen werden. Die Stadt ist sonst sicher, die Kämpfe sind in ca. 50 km Entfernung und alles was wir von dem Krieg spüren sind die Verletzten, darunter sehr viele Zivilpersonen und Kinder , die in das Krankenhaus kommen. In der Nacht hört man hie und da Schusswechsel, es sind aber meist betrunkene Soldaten oder wie letzte Woche ein Wahnsinniger der durch die Gegend geschossen hat und ein paar Leute umgebracht hat. Es hat natürlich jeder hier in der Stadt mindestens ein Maschinengewehr . Das Krankenhaus liegt am Rande der Stadt, es hat 300 Betten aber es sind ca. 500 Patienten darin untergebracht, dazu kommen Zelte in denen ca. 500 Kinder wohnen die unterernährt sind und die dort aufgepäppelt werden. Trotzdem sterben im Moment beinahe 20% der Kinder weil sie einfach in einem zu schlechten Zustand ankommen. Die Krankenstationen gleichen Kriegslazaretten , überall Patienten , in jedem Bett bis zu 3 Kinder, Erwachsene die am Boden schlafen und unter den Betten. Wir haben 2 OP-Säle, die spartanisch ausgerüstet sind, die Narkosen werden nur mit Ketamin gemacht,wir haben einen Sauerstoffkonzentrator der funktioniert wenn Strom ist, der aber oft ausfällt. Gestern ist uns ein OP-Tisch ( noch von der portugiesischen Kolonialzeit mit Museumswert) zusammengebrochen, so wurde halt auf einer Liege weiteroperiert. Man lernt sehr rasch improvisieren. Es werden so ca. 250 Operationen im Moment gemacht, manchmal bis zu 15 am Tag, meistens Schuss oder Minenverletzungen, manche schon Tage alt mit Würmern usw.. meine Aufgabe ist es hier eine handvoll Krankenschwestern in Anästhesie auszubilden, so eine einfache Narkose können sie schon geben, aber mit Intubation und Kinder- Anästhesie und Spinalanästhesie hapert es schon schwer. In der ersten Woche nach meiner Ankunft haben wir 2 Kinder operiert, jedes 2.5 kg , eines mit einer Colonatresie, das andere mit einer oesophagotrachealen Fistel, beide haben überlebt, das war schon eher eine Herausforderung, wir haben an Monitoring lediglich ein Pulsoximeter, und bei dem haben die Batterien versagt so haben wir die OP ohne Monitoring gemacht. Ich bin meistens im OP und schaue den Leuten so auf die Finger dass sie alles richtig machen, dreimal in der Woche halte ich Vorlesungen in der Früh, ich muss mich auch um die Sterilisation und Aufbereitung der Chirurgischen Sets kümmern und um Dienstpläne, außerdem Personalverhandlungen mit dem Direktor und dem Militär usw., also zusätzlich zu der Ausbildung habe ich auch die ganze Bürokratie am Hals, und das alles in portugiesisch, das ich inzwischen ganz gut spreche. Ich arbeite meist mit einer Chirurgin aus Bogota zusammen, die wie ich Schwestern in Chirurgie ausbildet, das Ziel ist dass das Krankenhaus in Zukunft unabhängig von Ärzten funktionieren kann. Wir haben eine Intensivstation mit 7 Betten, wo Patienten liegen die eine bessere Überwachung brauchen, Beatmungsmöglichkeit gibt es keine, Sauerstoff manchmal, und so muss man halt Leute mit 65% Sättigung und offenem, dh mit einem ringer laktat Plastikbeutel verschlossenem Abdomen extubieren und in Spontanatmung irgendwie über die Runden bringen. Katecholamine haben wir auch keine, also muss man alles mit Flüssigkeit machen, es hilft natürlich dass die meisten Patienten sehr jung sind, nachdem die mittlere Lebenserwartung 39 Jahre hier ist. Ich bin im Prinzip 24 Stunden im Dienst , 7 Tage in der Woche. Ich sehe viele Leute, vor allem Kinder sterben ,das ist oft schwer vor allem wenn man weiß dass sie unter anderen Umständen problemlos gerettet werden könnten. Alle 6 Wochen haben wir ein Wochenende frei und wir werden in die Hauptstadt nach Luanda ausgeflogen. Der Gegensatz in Luanda ist unglaublich, die Stadt ist reich da das Geld durch die reichen Diamanten und Erdölvorkommen hier hereinfliest, mit Dollars kann man alles kaufen, essen gibt es im Überfluss. Man kann dort nobel essen gehen oder am Strand herumhängen oder wie in meinem Fall surfen gehen, wenn man 30 km südlicher fährt. Dort haben wir auch unsere Zentrale mit Internetzugang und so kann ich dieses Mail schicken. 

 

 
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