Seit 2 Monaten bin ich in Angola als medizinischer Koordinator für Ärzte ohne Grenzen (MSF) tätig. Wir haben in Angola drei Projekte. In Saurimo, einer kleinen Stadt zwei Flugstunden nördlich von Luanda, der Hauptstadt, betreuen wir ein Behandlungszentrum für unterernährte Kinder und eine Kinderkrankenstation.
In Menongue, ca. zwei Flugstunden südlich von Luanda betreuen wir die
Kinderstation im Bezirkskrankenhaus, liefern Medikamente und bilden
Pflegepersonal aus und in Mavinga, eine weitere Flugstunde von Menongue
entfernt, haben wir ein komplettes Krankenhaus mit allen Abteilungen,
von Pädiatrie bis Chirurgie und Geburtshilfe aufgebaut. In den letzten
12 Monaten hat sich in Angola viel geändert. Im Februar 2002 wurde
Jonas Savimbi, der Führer der Oppositionspartei UNITA von
Regierungstruppen erschossen und damit endete der Krieg zwischen
Regierung (MPLA) und Opposition (UNITA) der mit kurzen Unterbrechungen
seit 1974 erbittert geführt wurde. Ab April wurden dann durch den
Friedenschluss große Gebiete des Landes für Hilfsorganisationen
zugänglich und es zeigte sich dass in diesen Gebieten ein großer Anteil
der Bevölkerung teilweise monatelang sich nur mehr von Blättern und
Laub ernährte und knapp am verhungern war. In manchen Landstrichen gab
es kaum mehr Kinder unter 5 Jahren, da alle schon am Hungertod
gestorben waren. In einer einzigartigen Hilfsaktion wurde von vielen
Hilfsorganisationen, darunter auch MSF, versucht dieser Bevölkerung zu
helfen. Hinzu kam noch, dass ein Grossteil der Bevölkerung, die während
des Krieges von ihren Wohngebieten vertrieben worden war, wieder
zurückkehren wollten, ihre Felder aber vermint waren und es kein
Saatgut und andere Möglichkeiten gab, wieder die Landwirtschaft
aufzunehmen. Die Ex-Unita Kämpfer und ihre Familien wurden in große
Lager mit bis zu 40.000 Personen gebracht und von dort im Verlauf der
letzten 12 Monate mit großen Transportflugzeugen in ihr Ursprungsgebiet
gebracht. 30 Jahre Krieg haben alle bestehenden Sanitätsstrukturen
zerstört und Masernepidemien, bei uns eine harmlose Kinderkrankheit,
brachen unter den unternährten Kindern aus und kosteten bis zu 15
Prozent der betroffenen Kindern das Leben. In dieser Zeit wurden die
drei Projekte gegründet. Ich werde nun über Mavinga, eines der Projekte
berichten,. Mavinga ist eine kleine Stadt in einer Provinz im Südosten
des Landes gelegen, die schon von den Portugiesen "o fim du mondo" (das
Ende der Welt) getauft wurde weil sie so abgelegen war. Deshalb konnten
sich auch in diesem Gebiet die Kämpfer der UNITA bis zuletzt halten und
die Regierungstruppen nahmen die Stadt erst in den letzten Monaten des
Krieges ein. Mavinga ist nur mit dem Flugzeug erreichbar, da alle
Zufahrtsstrassen vermint sind. Zweimal pro Woche wird die Stadt von
einem kleinen Flugzeug des WFP ( World Food Program) angeflogen das,
wenn man sich rechtzeitig in die Warteliste einträgt, auch Passagiere
von anderen Hilfsorganisationen mitnimmt. Nach 2 bis 3
Zwischenlandungen taucht wie aus dem Nichts plötzlich eine Siedlung
auf, mit einem mit roter Erde, die so typisch für Afrika ist, bedeckten
Landeplatz. Der Pilot fliegt zuerst im Tiefflug über die Piste, um Kühe
und Hühner zu vertreiben und dann nach einer zweiten Runde landet er
auf einer holprigen Landeschneise die aus dem Busch geschlagen wurde.
Neben der Piste liegen Flugzeugwracks und verrostende Panzer, Überreste
aus dem Krieg. Am Rand des Flugplatzes geht es zu wie auf einem
Marktplatz, viele Familien warten auf den Rücktransport in das Gebiet
aus dem sie vertrieben wurden. Es herrscht ein buntes Treiben mit
Kindern und Müttern,die auf Säcken mit ihrem Hab und Gut sitzen,
teilweise gibt es kleine Kochstellen, auf denen in rostigen
Konservendosen Mahlzeiten zubereitet werden. Männer sieht man wenige,
viele sind im Krieg gefallen oder noch immer in der Armee und deshalb
nicht bei ihren Familien. Beinahe täglich landen große Flugzeuge der
Armee die dann wie große Tiere in ihren geöffneten Laderäumen eine
Karawane von Menschen mit Hab und Gut verschlucken um dann mit Getöse
und in einer riesigen Staubwolke wieder zu starten. Am Flugfeld werde
ich von unserem Team empfangen, eine Ärztin aus Bolivien, eine
Krankenschwester aus Norwegen und die Projektleiterin aus Spanien.
Neben dem Flugplatz führt die Hauptstrasse, die einzige Strasse die
minenfrei und begehbar ist, zu den Wellblech- und Strohhütten, wo das
Hauptquartier von MSF ist. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre, ich
werde von den Leuten auf der Strasse freundlich gegrüßt. Nach einer
kurzen Rast im Hof des Gebäudes in einer runden Strohhütte, die als
Versammlungsraum dient, führt mich Mabel, die Ärztin in das Krankenhaus
das am anderen Ende der Strasse liegt. Die Mauern stammen noch aus der
Kolonialzeit, der Rest des Krankenhauses wurde im Krieg zerstört und
jetzt von den Logistikern von MSF notdürftig repariert, um eine primäre
Krankenversorgung zu ermöglichen. Das Dach besteht aus Wellblech oder
aus Plastikplanen, viele Kranke sind auch in Zelten untergebracht. Das
Personal wurde zum Teil unter den Flüchtlingen rekrutiert, wo sich
viele ausgebildete Krankenschwestern befanden, teilweise auch von MSF
ausgebildet.Trotz der Einfachheit macht alles einen geordneten und
sauberen Eindruck. ALs mich Mabel durch das Krankenhaus führt, ist sie
sichtlich stolz auf "ihr" Krankenhaus. Wir besuchen alle Stationen, im
Kreissaal entbindet gerade eine junge Frau. Der Operationssaal ist ein
Zimmer mit einem Tisch, es ist unglaublich dass unter diesen einfachen
Umständen hier beinahe täglich Notoperationen durchgeführt werden. Im
Hof sind ein paar Bänke, die als Warteraum für die Patienten dienen.
Bis zu 100 Patienten täglich werden von den Krankensschwestern ambulant
betreut, das Hauptproblem ist Malaria, vor allem viele Kinder und
schwangere Frauen erkranken daran. In der Inneren Station sind viele
Patienten mit Tuberkulose, eine Krankheit die neben AIDS ein großes
Problem in Afrika darstellt. Insgesamt hat das Krankenhaus 80 Betten,
ist aber mit bis zu 120 Patienten überbelegt. Neben dem Krankenhaus in
einem Zelt ist das Labor. Durch Zufall hatte die Ärztin die vor Mabel
in Mavinga arbeitete, erfahren, dass im Flüchtlingslager ein
Labortechniker sei, der in einer Strohhütte einfache Untersuchungen
machen soll. Nachdem das Flüchtlingslager aufgelöst wurde, konnte sie
ihn für das Krankenhaus rekrutieren. In einem Zelt wurde dann ein
keines Labor aufgebaut, in dem der Techniker mit einem Mikroskop, wie
ich es nur aus dem Museum kenne, Malaria im Blut und Parasiten im Stuhl
nachweist. Es überrascht und freut mich mit welchem Tatendrang und
Enthusiasmus das ganze Team das Krankenhaus betreut. In Zukunft ist
geplant das Labor besser auszurüsten und eine Blutbank aufzubauen. Auch
wird nächste Woche eine weitere Krankenschwester von MSF ankommen, um
die Ausbildung der einheimischen Mitarbeiter weiterzuführen und zu
überwachen. Leider muss ich nach einer zu kurzen Zeit wieder mit dem
nächsten Flugzeug nach Luanda zurück, bevor ich abfliege erfahre ich
dass nächsten Monat ein Minenräumfahrzeug von Namibia aus die Strasse
räumen wird und Mavinga wieder auf dem Landweg zugänglich sein wird.
Langsam scheint nach 30 Jahren Krieg wieder die Normalität in Angola
einzusetzen.
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