"Der einzig wahre Fortschritt für die Menschheit ist der Fortschritt in der Nächstenliebe"
Aldous Huxley
Angola Dr. M. Kritzinger - Einsatz als Koordinator von MSF 2003
Seit 2 Monaten bin ich in Angola als medizinischer Koordinator für Ärzte ohne Grenzen (MSF) tätig. Wir haben in Angola drei Projekte. In Saurimo, einer kleinen Stadt zwei Flugstunden nördlich von Luanda, der Hauptstadt, betreuen wir ein Behandlungszentrum für unterernährte Kinder und eine Kinderkrankenstation.  angola2.jpgIn Menongue, ca. zwei Flugstunden südlich von Luanda betreuen wir die Kinderstation im Bezirkskrankenhaus, liefern Medikamente und bilden Pflegepersonal aus und in Mavinga, eine weitere Flugstunde von Menongue entfernt, haben wir ein komplettes Krankenhaus mit allen Abteilungen, von Pädiatrie bis Chirurgie und Geburtshilfe aufgebaut. In den letzten 12 Monaten hat sich in Angola viel geändert. Im Februar 2002 wurde Jonas Savimbi, der Führer der Oppositionspartei UNITA von Regierungstruppen erschossen und damit endete der Krieg zwischen Regierung (MPLA) und Opposition (UNITA) der mit kurzen Unterbrechungen seit 1974 erbittert geführt wurde. Ab April wurden dann durch den Friedenschluss große Gebiete des Landes für Hilfsorganisationen zugänglich und es zeigte sich dass in diesen Gebieten ein großer Anteil der Bevölkerung teilweise monatelang sich nur mehr von Blättern und Laub ernährte und knapp am verhungern war. In manchen Landstrichen gab es kaum mehr Kinder unter 5 Jahren, da alle schon am Hungertod gestorben waren. In einer einzigartigen Hilfsaktion wurde von vielen Hilfsorganisationen, darunter auch MSF, versucht dieser Bevölkerung zu helfen. Hinzu kam noch, dass ein Grossteil der Bevölkerung, die während des Krieges von ihren Wohngebieten vertrieben worden war, wieder zurückkehren wollten, ihre Felder aber vermint waren und es kein Saatgut und andere Möglichkeiten gab, wieder die Landwirtschaft aufzunehmen. Die Ex-Unita Kämpfer und ihre Familien wurden in große Lager mit bis zu 40.000 Personen gebracht und von dort im Verlauf der letzten 12 Monate mit großen Transportflugzeugen in ihr Ursprungsgebiet gebracht. 30 Jahre Krieg haben alle bestehenden Sanitätsstrukturen zerstört und Masernepidemien, bei uns eine harmlose Kinderkrankheit, brachen unter den unternährten Kindern aus und kosteten bis zu 15 Prozent der betroffenen Kindern das Leben. In dieser Zeit wurden die drei Projekte gegründet. Ich werde nun über Mavinga, eines der Projekte berichten,. Mavinga ist eine kleine Stadt in einer Provinz im Südosten des Landes gelegen, die schon von den Portugiesen "o fim du mondo" (das Ende der Welt) getauft wurde weil sie so abgelegen war. Deshalb konnten sich auch in diesem Gebiet die Kämpfer der UNITA bis zuletzt halten und die Regierungstruppen nahmen die Stadt erst in den letzten Monaten des Krieges ein. Mavinga ist nur mit dem Flugzeug erreichbar, da alle Zufahrtsstrassen vermint sind. Zweimal pro Woche wird die Stadt von einem kleinen Flugzeug des WFP ( World Food Program) angeflogen das, wenn man sich rechtzeitig in die Warteliste einträgt, auch Passagiere von anderen Hilfsorganisationen mitnimmt. Nach 2 bis 3 Zwischenlandungen taucht wie aus dem Nichts plötzlich eine Siedlung auf, mit einem mit roter Erde, die so typisch für Afrika ist, bedeckten Landeplatz. Der Pilot fliegt zuerst im Tiefflug über die Piste, um Kühe und Hühner zu vertreiben und dann nach einer zweiten Runde landet er auf einer holprigen Landeschneise die aus dem Busch geschlagen wurde. Neben der Piste liegen Flugzeugwracks und verrostende Panzer, Überreste aus dem Krieg. Am Rand des Flugplatzes geht es zu wie auf einem Marktplatz, viele Familien warten auf den Rücktransport in das Gebiet aus dem sie vertrieben wurden. Es herrscht ein buntes Treiben mit Kindern und Müttern,die auf Säcken mit ihrem Hab und Gut sitzen, teilweise gibt es kleine Kochstellen, auf denen in rostigen Konservendosen Mahlzeiten zubereitet werden. Männer sieht man wenige, viele sind im Krieg gefallen oder noch immer in der Armee und deshalb nicht bei ihren Familien. Beinahe täglich landen große Flugzeuge der Armee die dann wie große Tiere in ihren geöffneten Laderäumen eine Karawane von Menschen mit Hab und Gut verschlucken um dann mit Getöse und in einer riesigen Staubwolke wieder zu starten. Am Flugfeld werde ich von unserem Team empfangen, eine Ärztin aus Bolivien, eine Krankenschwester aus Norwegen und die Projektleiterin aus Spanien. Neben dem Flugplatz führt die Hauptstrasse, die einzige Strasse die minenfrei und begehbar ist, zu den Wellblech- und Strohhütten, wo das Hauptquartier von MSF ist. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre, ich werde von den Leuten auf der Strasse freundlich gegrüßt. Nach einer kurzen Rast im Hof des Gebäudes in einer runden Strohhütte, die als Versammlungsraum dient, führt mich Mabel, die Ärztin in das Krankenhaus das am anderen Ende der Strasse liegt. Die Mauern stammen noch aus der Kolonialzeit, der Rest des Krankenhauses wurde im Krieg zerstört und jetzt von den Logistikern von MSF notdürftig repariert, um eine primäre Krankenversorgung zu ermöglichen. Das Dach besteht aus Wellblech oder aus Plastikplanen, viele Kranke sind auch in Zelten untergebracht. Das Personal wurde zum Teil unter den Flüchtlingen rekrutiert, wo sich viele ausgebildete Krankenschwestern befanden, teilweise auch von MSF ausgebildet.Trotz der Einfachheit macht alles einen geordneten und sauberen Eindruck. ALs mich Mabel durch das Krankenhaus führt, ist sie sichtlich stolz auf "ihr" Krankenhaus. Wir besuchen alle Stationen, im Kreissaal entbindet gerade eine junge Frau. Der Operationssaal ist ein Zimmer mit einem Tisch, es ist unglaublich dass unter diesen einfachen Umständen hier beinahe täglich Notoperationen durchgeführt werden. Im Hof sind ein paar Bänke, die als Warteraum für die Patienten dienen. Bis zu 100 Patienten täglich werden von den Krankensschwestern ambulant betreut, das Hauptproblem ist Malaria, vor allem viele Kinder und schwangere Frauen erkranken daran. In der Inneren Station sind viele Patienten mit Tuberkulose, eine Krankheit die neben AIDS ein großes Problem in Afrika darstellt. Insgesamt hat das Krankenhaus 80 Betten, ist aber mit bis zu 120 Patienten überbelegt. Neben dem Krankenhaus in einem Zelt ist das Labor. Durch Zufall hatte die Ärztin die vor Mabel in Mavinga arbeitete, erfahren, dass im Flüchtlingslager ein Labortechniker sei, der in einer Strohhütte einfache Untersuchungen machen soll. Nachdem das Flüchtlingslager aufgelöst wurde, konnte sie ihn für das Krankenhaus rekrutieren. In einem Zelt wurde dann ein keines Labor aufgebaut, in dem der Techniker mit einem Mikroskop, wie ich es nur aus dem Museum kenne, Malaria im Blut und Parasiten im Stuhl nachweist. Es überrascht und freut mich mit welchem Tatendrang und Enthusiasmus das ganze Team das Krankenhaus betreut. In Zukunft ist geplant das Labor besser auszurüsten und eine Blutbank aufzubauen. Auch wird nächste Woche eine weitere Krankenschwester von MSF ankommen, um die Ausbildung der einheimischen Mitarbeiter weiterzuführen und zu überwachen. Leider muss ich nach einer zu kurzen Zeit wieder mit dem nächsten Flugzeug nach Luanda zurück, bevor ich abfliege erfahre ich dass nächsten Monat ein Minenräumfahrzeug von Namibia aus die Strasse räumen wird und Mavinga wieder auf dem Landweg zugänglich sein wird. Langsam scheint nach 30 Jahren Krieg wieder die Normalität in Angola einzusetzen.
 
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